Read the English version of this article here

Träume

Ich träume von einem Leben in Frieden. Mein Vater kommt aus Palästina. Ich habe mir immer vorgestellt, wie es wäre, dort zu leben. Schon in Damaskus waren wir Flüchtlinge, aber vor dem Krieg war es dort schön. Jeden Tag kamen Nachbarn und Freunde vorbei, wir haben gelacht, geredet, zusammen gegessen, orangefarbenen Reis mit Fleisch. Über unserer Wohnung lag eine Dachterrasse mit Schaukel, dort habe ich gespielt und die Sterne beobachtet. Wenn wir nur um uns herum schauen, sehen wir nicht genug. Blicken wir nach oben, ins Weite, erkennen wir mehr. Ich möchte Astronautin werden, Neues entdecken. Wenn ich in den Himmel schaue, vergesse ich manchmal, wie viel ich verloren habe. All die Menschen. Kommt eine Sternschnuppe, wünsche ich mir etwas.
Sireen Al Semadi, 16, kam 2013 mit ihrer Familie aus Syrien

Heimat

Heute würde ich lieber zu Hause in Afghanistan sterben, als meine Flucht noch mal zu erleben. Dabei hat mir meine Heimat nie etwas bedeutet, ich habe keine guten Erinnerungen an sie. Heimat sollte ein Ort sein, an dem man nicht verfolgt wird und einfach in Ruhe leben kann. Seit fünf Jahren wohne ich jetzt in Bremen. Ich gehe nun in die zwölfte Klasse und mache Abitur. Ich bin Fan von Werder, juble über jedes Tor. Ja, Deutschland ist meine Heimat. Aber ich bin allein. Meine Familie lebt nun im Iran. Sie wird nicht nachkommen. Im Iran versteht sie die Sprache und kann daher arbeiten. Die einzigen Fotos von meiner Familie musste ich ins Meer werfen, alles musste über Bord, wir wären sonst gesunken, wir haben schon das Wasser aus dem Boot geschöpft. Ich besitze nichts.
Ewaz Babaie, 23, Afghanistan. Er kam 2010 allein nach Deutschland

Glaube

Meine Mutter war Christin, mein Vater Muslim. Wo ist das Problem? Wir haben alle denselben Gott. Ich feiere Weihnachten, und wenn Ramadan ist, versuche ich zu fasten. Seitdem ich in Deutschland bin, war ich zweimal in der Kirche und auch schon in einer Moschee. Meine Mutter starb bei meiner Geburt, und als ich fünf Jahre alt war, starb auch mein Vater. Dass ich trotzdem noch lebe, hat meinen Glauben gestärkt und gibt mir das Gefühl, unbedingt etwas erreichen zu müssen. Richtig religiös bin ich aber nicht. Es gibt viele Situationen, in denen ich meine Eltern brauchte, um mit ihnen zu reden. Ich würde gern arbeiten, darf es aber nicht. Das verstehe ich nicht. Wenn ich Probleme habe, frage ich nicht Gott, sondern meine Lehrerinnen. Sie helfen mir.
Kamarou Adeniyi, 19, Benin. Er kam 2013 allein nach Deutschland

Chancen

Ich möchte Ärztin werden. Ich wollte das schon, als ich klein war. Ich suche mir gerne Herausforderungen, weil ich will, dass die Leute dann sagen: Cynthia hat das geschafft! Der Gedanke, dass ich in Deutschland arbeiten werde, gefällt mir. In Syrien wäre das nicht selbstverständlich gewesen. Dort ist klar geregelt, was eine Frau macht und was ein Mann. In Deutschland ist das egal, hier muss ich als Frau alles können. Ich muss allein zur Bank, zum Amt, zum Jobcenter. Für mich ist das überhaupt noch nicht normal. Meine Mutter hat in Syrien nie gearbeitet, aber hier kann sie sich das vorstellen. Jeder von uns hat ein Ziel. Nur für meinen Vater ist es schwer. Er war Geschäftsmann in Syrien. Jetzt sitzt er im Flüchtlingsheim, versteht die Sprache nicht, wird schnell traurig. Ich hoffe, das geht vorüber.
Cynthia Barssimian, 19, kam 2014 mit ihrer Familie aus Syrien

Deutschland

In Deutschland kann ich endlich wieder schlafen. In Syrien ging das nicht mehr. Überall Terroristen, Bomben, Krieg. Alle Syrer wollen nach Deutschland. Weil wir glauben, dass es das schönste Land Europas ist und das sicherste. Die Deutschen sind nett, sie reden respektvoll mit uns. Ich weiß aber, dass es auch einige gibt, die sagen, dass Flüchtlinge keine guten Menschen sind. Manchmal macht mir das Angst. Aber das ist selten. Denn ich grübele kaum noch, seit ich hier bin. Ich bin einfach nur glücklich, immer glücklich. Auf dem Weg zum Hauptbahnhof habe ich vor Kurzem sogar ein Mädchen kennengelernt, sie ist halb deutsch, halb italienisch. Nun sind wir ein Paar. Und wenn wir zusammen sind, sprechen wir nur deutsch.
Hambar Al Husein, 18, kam vor sechs Monaten mit seinem Bruder aus Syrien

Familie

Mein Vater war Schneider. Er wollte, dass ich eines Tages studiere. Als er starb, sind wir aus Afghanistan nach Deutschland geflohen. Meine Mutter dachte, hier seien die Chancen für meine zwei Brüder und mich am größten. An der Grenze zwischen der Türkei und Bulgarien wurden wir getrennt, nur mein älterer Bruder und ich kamen rüber. Fünf Monate haben wir in Deutschland auf meine Mutter und meinen Bruder gewartet, wir wussten lange nicht, wo sie sind und ob es ihnen gut geht. Jetzt fühlen wir uns wieder sicher. Ich will in Bremen mein Abitur machen, irgendwas mit IT studieren und später auch hier in der Stadt eine Arbeit finden. Dann können wir alle zusammenbleiben und ein neues Leben anfangen. Ich hoffe wirklich, wir können für immer hierbleiben.
Mahdi Asgari, 17, kam 2014 mit seiner Familie aus Afghanistan