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ZEIT: In dem Stück, das Sie alle zusammen spielen, The Situation, haben Sie, der Syrer, das letzte Wort. Es lautet: "Keine Hoffnung." Warum?

Orit: (dazwischen) Weil wir nicht naiv sind.

Ayham: Die Europäer und die Amerikaner brauchen einen Markt für ihre Waffen – sie verkaufen an Assad und an den IS. Deshalb: Es wird keinen Frieden geben. Auch die Deutschen werden einen Weg finden, dort zu kämpfen. Und am Ende werden wir Krieg überall haben. Wie Anton Tschechow sagt: Wenn du ein Gewehr auf die Bühne stellst, musst du es auch benutzen.

ZEIT: Der Waffenhandel ist das größte Problem?

Ayham: Wir brauchen Essen, keine Waffen. Hört auf, die Mörder, die Irren, die Diktatoren zu unterstützen.

Orit: "No hope" darf nicht das letzte Wort sein. Wir könnten gar nicht zusammen auf der Bühne stehen, wenn wir keine Hoffnung hätten.

Yousef: Manchmal braucht man eine Katastrophe für den Neuanfang ...

ZEIT: Yousef, Sie sind ein gefeierter Schauspieler in Israel. Ein Araber, der es geschafft hat, in Israel zum Publikumsliebling zu werden. Wo leben Sie heute?

Yousef: In Berlin. Hier ist es ruhiger und friedlicher. Schließlich habe ich ein Kind. Und es ist auch aus ökonomischen Gründen einfacher zu überleben. In Tel Aviv sind die Preise wirklich hoch.

ZEIT: Im Stück fällt der Satz: The Germans are funny. They don’t know shit. Also: "Die Deutschen sind lustige Leute, sie haben wirklich keine Ahnung." Was sollten die Deutschen unbedingt wissen?

Orit: Die Deutschen haben einerseits ein sehr gutes Leben und andererseits eine sehr kurze Erinnerung – Letzteres haben sie mit so ziemlich allen Völkern gemein. Übrigens vor allem mit den Israelis. Uns allen kann jederzeit etwas Unerwartetes passieren, das sollte jeder wissen. Ihr Deutschen seid in einer hervorragenden Position, aber das wird nicht immer so sein. Dessen solltet ihr euch bewusst sein, jetzt, wo es darum geht, Schwächeren zu helfen. Auch ihr könnt wieder in die Position des Schwachen geraten. Behandelt die Leute gut, die jetzt kommen, reduziert sie nicht auf die Rolle des Flüchtlings.

Ayham: Was ich den Deutschen sagen möchte: 90 Prozent von dem, was in den westlichen Medien berichtet wird, stimmt nicht oder ist unzulässig verkürzt. Als mich das westliche Fernsehen interviewte, haben sie nur den Teil des Interviews gesendet, in dem ich von meinem Freund gesprochen habe, der vom IS getötet wurde. Den Rest des Gesprächs, in dem ich von den Verbrechen Assads gesprochen habe, haben sie nicht gesendet. Der IS hat offenbar mehr Glamour.

Dimitrij: Ich höre zwei Meinungen von Deutschen über Flüchtlinge: Entweder sie sagen: Die kommen hierher, um uns zu schaden, unser Lebensniveau zu senken, unsere Gesellschaft zu verändern. Oder aber es heißt: Wir brauchen diese Leute, sie bringen unsere Wirtschaft voran und machen unsere Geburtenschwäche wett. Beide Positionen sind gleichermaßen dumm. Beide sind narzisstisch, sie deuten eine historische Situation als eine persönliche. Es wird alles so genommen, als geschähe es, um uns, um mich zu beeinträchtigen. Die Sache ist viel größer: Man muss sich der historischen Situation als würdig erweisen, und das kann man nicht, wenn man sie bewertet.

Orit: Die Europäer haben jetzt eine große Chance. Sie können sich als die Guten erweisen. Sie können sich aber auch als fremdenfeindlich zeigen. Mein Rat: Heißt die Flüchtlinge nicht willkommen, weil ihr so gute Menschen seid. Sondern: weil es eine Selbstverständlichkeit ist. Wenn jemand auf der Straße liegt, hilfst du ihm ja auch. Und die meisten Deutschen müssen gar nicht selbst für diese Hilfe zahlen, sie müssen niemanden in ihrem Haus aufnehmen, sie werden die Million nicht spüren, die da kommt. Wir tun nicht denen einen Gefallen, indem wir sie willkommen heißen – sie geben uns etwas, wir profitieren von den jungen Leuten, die hierherkommen, ihrem Mut, ihrem Erfindungsreichtum.