Eigentlich geht es an diesem Abend im Rathaus ums Kiffen. "Wir wünschen uns viel Wissen", sagt Christiane Blömeke von den Grünen zu Beginn, die Vorsitzende des Gesundheitsausschusses. Links und rechts neben ihr sitzen die Abgeordneten der anderen Parteien, davor haben in einer Reihe neun Sucht- und Drogenexperten Platz genommen: Juristen, Soziologen, Ärzte. Zweimal fällt das Wort Joint an diesem Abend, irgendwann spricht tatsächlich auch mal jemand vom Kiffen. Ansonsten klingt der Abend wie die Vorbereitung einer wissenschaftlichen Versuchsanordnung im öffentlichen Raum.

Denn es geht nur vordergründig ums Kiffen im Sitzungssaal 151. Die Experten sind da, um eine Frage zu beantworten: Ist die teilweise Legalisierung von Cannabis nun lebensnahe Politik oder nur eine politische Bewusstseinstrübung?

Auf Seite 90 des Koalitionsvertrags hatten SPD und Grüne festgehalten, ein "Modell zur kontrollierten Abgabe von Cannabis an Erwachsene" prüfen. Es solle "unter Hinzuziehung von Expertinnen und Experten ergebnisoffen beraten" werden, ob und wie solch ein Projekt durchgeführt werden kann. Das Ziel ist es, den Drogenhandel im Schanzenviertel einzudämmen. Nun haben die Abgeordneten zur ersten Expertenanhörung geladen. Bereits in den ersten Statements der Fachleute wird deutlich: Man ist sich nicht einig. Professorin Gundula Barsch, Soziologin an der Hochschule Merseburg: "Die gegenwärtigen drogenpolitischen Ansätze sind nicht geeignet, den Konsum einzudämmen. Ein Plädoyer für dieses Modell."

Professor Wolfgang Poser, Facharzt für klinische Pharmakologie aus Göttingen: "Als Pharmakologe sage ich: Cannabis ist eine einzige Katastrophe."

Jens Kalke, Hamburger Institut für interdisziplinäre Sucht- und Drogenforschung: "Ich bin mir der Gefahren bewusst, aber Versuch macht klug."

Professor Rainer Thomasius, Leiter des Zentrums für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters am UKE: "Cannabis-Konsum im Jugendalter führt zu Hirnschäden und Intelligenzverlust. Eine Legalisierung wäre ein hoch unsozialer Akt."

Theo Baumgärtner, Hamburgische Landesstelle für Suchtfragen: "Die Diskussion wird polemisch geführt."

Anke Mohnert, Drogenberatungsstelle Palette: "Man muss die Frage stellen dürfen, warum Alkohol erlaubt ist und Cannabis nicht."

Jörn Patzak, Oberstaatsanwalt: "Den Schwarzmarkt wird es weiter geben, um den Bedarf bei Jugendlichen zu decken."

Heiko Mohrdiek, Hamburger Strafverteidiger: "Ich bin ein Verfechter des Modellprojekts. Die Strafverfolgung bringt keinen Effekt."

Professor Ulrich Preuss, Psychiater und stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Suchtmedizin: "Der Konsum findet sowieso statt. Wenn man darüber nachdenkt, den Cannabis-Konsum zu liberalisieren, ist das eine politische Frage."

Bereits vor der ersten Expertenanhörung lehnen AfD und Union das Projekt ab, die CDU-Fraktion spricht von einem "totalen Irrweg" und "grüner Kiffer-Romantik". Die Grünen andererseits, die Linke und die FDP sind für das Projekt. Und die SPD muss zumindest darüber sprechen, ergebnisoffen, so steht es im Koalitionsvertrag.

Die Ausschussdebatte wird hitzig geführt, ohne dass es in den ersten drei Stunden überhaupt um das geplante Modell geht. Es entwickelt sich eine ideologische Grundsatzdiskussion über die Gefahren von Cannabis für Jugendliche. Die Fachleute widersprechen sich, bezichtigen sich gegenseitig der Lüge. Schließlich geht die Vorsitzende dazwischen: "Ich wünsche mir ein bisschen Respekt in der Debatte unter den Experten."

Wer darf mitmachen beim Projekt? Woher soll das Gras kommen, wo verkauft werden? Und wie gelingt Suchtprävention? "Ohne eine klare Zielsetzung können keine wirklichen Ratschläge" erteilt werden, sagt Theo Baumgärtner von der Landesstelle für Suchtfragen. Denn selbst wenn das Projekt politischer Konsens würde: Das Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte müsste eine Ausnahmegenehmigung erteilen – was wohl nur im Rahmen eines Forschungsprojekts möglich wäre, einschließlich wissenschaftlicher Begleitung und einer Kontrollgruppe.

Eine Möglichkeit für die Hamburger Abgeordneten: Erst mal auf Berlin schauen und warten, was passiert. Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg versucht derzeit eine Sondergenehmigung für stadteigene Coffeeshops zu bekommen.