Man muss sich einen Mann aus Afghanistan mit seiner Familie vor einem Fahrkartenautomaten des HVV vorstellen, wie er versucht, die Gebrauchsanweisung der 9-Uhr-Gruppenkarte zu enträtseln.

Man muss sich einen Arzt in einer Erstunterkunft für Flüchtlinge vorstellen. Eine Menschenmenge umringt ihn, "doctor, doctor, sick!", rufen die Leute. Dies sind die einzigen Wörter einer gemeinsamen Sprache.

Man muss sich einen irakischen Kurden in einer Erstaufnahmeunterkunft vorstellen, er ist gerade angekommen und weiß kaum, wie ihm geschieht. Wo ist er, was kommt als Nächstes? Da sind Wachen und ein paar Betreuer, aber niemand spricht seine Sprache.

Drei alltägliche Situationen aus dem Hamburg dieser Tage, Babylon ist überall. Brauchten all die Fremden, die hier in den kommenden Jahren heimisch zu werden hoffen, nicht eine Gebrauchsanweisung für ihre neue Umgebung, verfasst in ihren Sprachen? Eine Art Fremdenführer, Hamburg für Anfänger? "Die Idee liegt in der Luft", sagt Hendrikje Blandow-Schlegel, die sozialdemokratische Frontfrau der Flüchtlingshelfer in Harvestehude. Viele arbeiten schon daran, auch die ZEIT bereitet in ihrer Onlineausgabe einen kleinen Beitrag dazu vor.

Wie müsste sie aussehen, die ideale Gebrauchsanweisung für Hamburg? Elektronisch natürlich, mit dem Smartphone lesbar und in Sozialen Netzen mühelos zu verbreiten. Vielsprachig müsste sie sein, sie müsste Piktogramme für Analphabeten enthalten und abrufbare Tonaufnahmen in ihren Sprachen. All das ist selbstverständlich.

Schwerer ist es zu entscheiden, was sie enthalten soll. Frage an Hendrikje Blandow-Schlegel: Was sollte jeder Flüchtling wissen? Zurück kommt, nach reiflicher Überlegung, eine Liste von Hinweisen, von einem wohl eher normativ gemeinten "Alle Flüchtlinge sind willkommen!" bis zur klaren Ansage, "dass wir den Frauen, unabhängig von den Meinungen der Ehemänner oder männlichen Verwandten, den Raum einräumen, der ihnen gleichberechtigt zusteht".

Dieselbe Frage, gestellt einem Deutsch-Iraner, der mit minderjährigen Flüchtlingen arbeitet – Antwort: "Es gibt einen Satz, den jeder Einwanderer hasst: Wir sind hier in Deutschland, hier machen wir das so."

Was muss ein Einwanderer aus einer fremden Kultur unbedingt kennenlernen? Die Verfassung, das Wesen des Kapitalismus, die Bedeutung der Grundrechte? Oder die üblichen Zeiten der Mittagsruhe? Und wer soll das entscheiden?