Und dann stellt sich im VIP-Bereich der Steuerberater der Band vor. Otto A. Schwab, Besitzer einer großen Kanzlei in München, hat sich eine Baseballkappe verkehrt herum aufgesetzt und sagt ungefragt: "Wenn das Nazis wären, würde ich nicht für die arbeiten." Frei.Wild seien aber keine Nazis, sondern eine der erfolgreichsten deutschsprachigen Bands. "Ich weiß, was die verdienen. Das ist Wahnsinn! Deswegen sind sie eine Gefahr für die Musikindustrie – und deswegen werden sie von der Presse runtergeschrieben."

Frei.Wild haben es nicht leicht. So sehen das die Band und ihre Anhänger. Tausend Fans sind am Freitagabend nach Hamburg gekommen, um auf dem Museumsschiff Cap San Diego im Hafen die Goldene Schallplatte für das neue Album Opposition zu feiern. 120 Euro haben sie bezahlt, um ihre Stars in familiärer Club-Atmosphäre zu erleben, dazu gibt es Freibier und kostenlose Currywurst. Außerdem bekommt jeder Gast eine eigene Goldene Schallplatte. Ihr gehört zu uns, ist die Botschaft, wir stehen zusammen gegen den Rest der Welt.

Es war nicht einfach für Frei.Wild, ein Konzert in Hamburg zu organisieren. Kurz nachdem die Band ein Konzert "vor dem Background" des Reeperbahn-Festivals angekündigt hatte, um mit ihrer Hamburger Vertriebsfirma Soulfood Music 100.000 verkaufte Exemplare des jüngsten Albums zu feiern, gab es Widerstand. Das Reeperbahn-Festival ließ durch seine Anwälte klarstellen, dass der Auftritt nichts mit dem Festival zu tun habe. Dann sagte der Club ab, in dem das Konzert geplant war. Die linke Szene hatte massiv Druck gemacht. Für sie ist die Band "Kackscheiße", so steht es in einem Forum im Internet. Genauso wie für Frei.Wild-Sänger Philipp Burger Linke "geistig verarmte Gestalten" sind.

Seit die Band Erfolg hat, geht das so: Die Linken lärmen, Frei.Wild fühlen sich diffamiert. Ein Kreislauf, der beiden hilft. Vor allem Frei.Wild.

Der Gig der Band wurde also zur Geheimsache. Fans mussten sich mit Handynummer für das Konzert bewerben, bekamen erst fünf Stunden vorher per SMS den Veranstaltungsort mitgeteilt. Notwendig war das eigentlich nicht: Schon Tage zuvor hatte die Morgenpost den Ort verraten, trotzdem kamen nicht einmal 50 Autonome an die Überseebrücke.

Auf dem Ponton vor der Cap San Diego wartet Nessi, die Fanbetreuerin der Band, auf die Gäste. "Schreibt aber nicht so einen Mist wie sonst. Die Band ist nicht rechts, andere Leute haben auch Jugendsünden", sagt sie zur Begrüßung. Auf der Cap San Diego stehen Hunderte Plastikbecher mit Bier auf den Theken. Viele Gäste nehmen sich gleich zwei.

Das Publikum könnte von einer Rockparty in der Provinz ausgeliehen sein. Menschen zwischen Anfang 20 und Mitte 50. Keine dumpfen Glatzköpfe. Nahezu alle Gäste tragen Fan-Shirts mit Textzeilen von Frei.Wild: "Leckt mich am Arsch", "Wir sind die Deutschrock-Armee", "Der Mittelfinger der Nation", "Wir sind nicht braun und auch nicht rot, du Vollidiot".

Sind Frei.Wild Nazis? Die Frage nervt Band wie Fans, doch sie taucht immer wieder auf. Es gibt zwei Indizien: Zum einen hat Sänger Philipp Burger, 34, in seiner Jugend in einer Skinheadband gesungen und damals auf einem Bandfoto den Hitlergruß gezeigt. Zum anderen geht es in den Frei.Wild-Texten oft um die Liebe zu ihrer Heimat Südtirol, zu den Ahnen, zu Brauchtum und Glauben, und sie besingen in martialischer Sprache den Kampf gegen die Feinde – wer auch immer die sind.

Beides macht Frei.Wild nicht zu einer Naziband. Das Foto bezeichnet Burger heute als Jugendsünde. Immer wieder distanziert sich die Band offen von Rechtsradikalen: Erst vor Kurzem richtete sie auf ihrer Homepage AfD, Pegida und Co aus: "Ihr seid scheiße, und diese Scheiße werden wir nicht zulassen." Und die Texte von Frei.Wild sind zwar erzkonservativ, aber deswegen noch nicht rechtsradikal. Es ist die Rhetorik deutscher Dorfkneipen.

Nach einer guten Stunde Warmtrinken betreten Frei.Wild die Bühne. Die Musik: simpler Haudrauf-Punk, technisch auf dem Niveau einer Schülerband. Der erste Song: Wir brechen eure Seelen. Die Fans singen jede Zeile mit. Was Burger schreibt, ist keine Poesie, aber eingängig. "Lügen, Lügen, Lügen, Lügen, haben immer kurze Beine. Leichen im Keller, Leichen im Keller, habt nur ihr, und wir haben keine."