Nichts läge hier näher als eine Kritik von oben herab. Das Lokal befindet sich nämlich unter der Redaktion im Erdgeschoss des Pressehauses. Vereinzelt sieht man dort Kollegen; geläufiger aber sind Klagen über den Radau, der von den Tischen draußen nach oben dringt. Gemeint ist das Hofbräu Wirtshaus, ein Franchise der Münchner Brauerei. Bayerische Gastlichkeit greift ja schon seit Jahren im Norden um sich; und der Hamburger Frank Blin war vorne mit dabei. Fünf Häuser dieser Art führt er mittlerweile. Grund genug, sich das Erfolgsrezept aus der Nähe anzuschauen.

Wirtshaus ist nicht zu viel versprochen, zumindest dem Umfang nach. In dem riesigen Saal samt Empore fänden nicht nur Buskolonnen, sondern ganze Kreuzfahrtausflugsgeschwader mühelos Platz. An der Devotionalientheke im Vorraum kann man sich passend ausstaffieren, vielleicht mit einem Sepplhut oder einer üppig dekolletierten Badeente.

Hier endet der kühle Norden. Stimmungsmusik dröhnt aus den Boxen, übertönt vom Rumoren einiger Hundert Gäste. Kellner in ramponierter Tracht wuchten Maßkrüge und Tabletts mit Schweinshaxen, in denen Jagdmesser stecken. Von der Decke hängen blau-weiße Fahnen, an den Wänden stehen gereimte Ermunterungen zum Trinken.

Wie praktisch: Die Karte steht schon auf dem Tisch. Kaum hat man hineingeschaut, prescht eine Kellnerin an: "Servus!" Was bestellt man hier – vielleicht den Zwiebelrostbraten. Der passt besser ins Ambiente als die "Hofbräu-Currywurst mit unserer Spezial-Süßer-Senf-Currysoße" oder das "Putenragout Omas Art mit Erbsen und Möhren an(!) Butterreis". Außerdem ist er mit 19,90 Euro das bei Weitem teuerste Gericht. Das passende Getränk? Die Kellnerin lächelt schüchtern: "Vielleicht ein Bier?" Ja, das leuchtet ein.

Das Hofbräu-Oktoberfestbier macht Spaß: üppig, ohne plump zu sein, dank einer erfrischenden Säure. Und es verträgt sich mit dem Rostbraten, der angenehm überrascht. Das Rindfleisch ist tadellos gebraten, die Soße herzhaft und seidig. Nur die Zähigkeit der Bratkartoffeln und Zwiebelringe deutet darauf hin, dass hier viel vorgekocht wird.

Für ein Restaurant dieser Größe und Preisklasse ist die Küche gar nicht übel. Seelenlos, das schon. Der Leberkäs schmeckt so neutral, dass man ihn kaum von der Weißwurst unterscheiden kann. Die marinierten Kirschen zum Palatschinken lassen kein Gewürz erkennen. Aber das muss wohl so sein. In der Erlebnisgastronomie ist das Essen selbst kein Erlebnis. Der Geschäftsmann gegenüber verdrückt seines mit unablässig mahlendem Kiefer. Den Krawattenzipfel hat er sich in die Hemdtasche gestopft.

Am Tisch hinter ihm erschallt der zünftige Trinkspruch: "Hau weg die Scheiße!" Aus den Boxen säuselt einer von "Sehnsucht, die niemand versteht". So schwer ist sie gar nicht zu verstehen. Es geht um Urlaubsgefühl, Zwanglosigkeit, Schunkelfrohsinn. Die Gemütlichkeitsfabrik am Speersort liefert das en gros: Bayern als Bewusstseinszustand. Mit jeder Maß ein Stück weiter nach Süden.

Hofbräu Wirtshaus, Tel. 57 01 53 71, www.hofbraeu-wirtshaus.de/speersort. Geöffnet täglich von 10 bis 1 Uhr, freitags und samstags bis 2 Uhr. Hauptgerichte um 14 €.