Der Stolz Hamburgs besteht darin, sich als Tor zur Welt zu sehen. Die Tragik Hamburgs besteht darin, dass niemand durchgeht. Und so ist auch im Bühnenhintergrund des Hamburg-Musicals, das am St. Pauli Theater Premiere hatte, nur ein riesiges Bullauge mit Blick auf den Hafen gemalt, der Übersee-Effekt nimmt aber keinen nennenswerten Einfluss auf die Handlung. Das Stück spielt von Anfang bis Ende in einem Fischlokal, noch dazu mit Namen Royal, womit eine gewisse monarchische Enge evoziert wird, die ebenfalls nicht recht zum hanseatischen Geschäftsmodell passt.

Nun sind natürlich Fische in gewisser Hinsicht Chiffren der Weite, insofern sie aus dem Meer kommen und Gegenstand ausgreifender Renditefantasien sein können. Andererseits ist das Fischlokal pleite und das Personal, das sich darin vor und hinter dem Tresen versammelt, in wirtschaftlicher Hinsicht eher depressiv gestimmt. Eine Zeit lang hofft man auf russisches Geld, aber der Russe ist – siehe da! – auch pleite. Wie es um die Bonität der übrigen Figuren steht, bleibt genauso ungewiss. Jedenfalls aber schiene es für die Zukunft des Lokals vorteilhaft, wenn der neue Geschäftsführer die Tochter des neuen Mitbesitzers heiratete.

Sinn und Zweck einer solchen Sanierungsehe sind das große Thema des Dramas, darin den einschlägigen Hotelserien des Fernsehens verwandt. Im St. Pauli Theater wird aber dazu noch gesungen und getanzt, was im Rahmen der beengten Platzverhältnisse ein Riesenkunststück darstellt. Es klirrt und scheppert wie auf einem übersteuerten Tonband, und dass die Schauspieler nach ihren akrobatischen Balletteinlagen immer wieder am vorgesehenen Ort – dem Sofa, dem Tisch, dem Stuhl – landen, verrät eine disziplinatorische Anstrengung, für die man den Choreografen (Hakan T. Aslan) gar nicht genug loben kann. Es geht gut, aber bleibt eine Zitterpartie.

Zu den turnerischen Unwägbarkeiten kommt die moralische Spannung. Muss der nette Geschäftsführer mit der großen Nase (Serkan Kaya) die reiche Tussi mit den großen Zähnen (Anneke Schwabe) heiraten? Das will niemand, schon gar nicht das Publikum und interessanterweise nicht einmal der Brautvater, der zwar seine Tochter gerne unter die Haube gebracht sähe, sich jedoch auch um sein Geld sorgt und im Übrigen dem Charakter seiner Tochter misstraut. Was ist das Zweifelhafte an dieser Tochter? Sie will nicht in Hamburg bleiben, Schande.

An dieser Stelle muss etwas über die Songs gesagt werden, sie sind zwar nicht eigens für das Musical komponiert worden (das ganze Stück ist ein Pasticcio bekannter Schlager), sie sind aber eigens neu betextet worden, und zwar patriotisch, sehr patriotisch. Hamburg ist die schönste Stadt der Welt! Wer dieser Stadt den Rücken kehren will, kann nur ein ganz schlechter Mensch sein.

Mit dieser Aussage steht das Musical nicht allein. Selbst klassische Orchester werben derzeit auf Riesenplakaten mit der Hanseatenliebe zur Heimat. Offenbar ist Hamburg in der Krise. So viel Wille zur Selbstbesoffenheit zeigt nur, wer sich ernstlich um sein Ansehen sorgt.

Und richtig, auch dafür bringt das Musical den Beleg in Form kabarettistischer Dialoge, die von Korruption, Vettern- und Misswirtschaft im Stadtstaat handeln (Texte und Regie von Markus Busch und Ulrich Waller). Es ist recht eigentlich eine Gaunerkomödie. Zu dem abgebrannten Russen und seinen leichten Mädchen kommen die einheimischen Beutelschneider, Investoren und Immobilienentwickler. Die protestierenden Spekulantengegner, leicht aus der Zeit gefallen mit Irokesenschnitt und Punk-Klamotten, kommen ebenfalls ins Bild; wie lustig ist doch diese Jugend mit dem Herz auf dem rechten Fleck.

Auf dem rechten Fleck landen naturgemäß alle zum Ausgang des Stücks. Der Geschäftsführer muss die höhere Tochter nicht nehmen, er kriegt die Oberkellnerin (sängerisch und schauspielerisch weit über dem Durchschnitt: Victoria Fleer). Bravo. Auf Ehen über Klassengrenzen hinweg liegt ohnehin kein Segen. Und übrigens ist die Figur des Geschäftsführers ohnehin das denkbar schönste Trostpflaster für die verunsicherte Hanseatenseele: Er kommt aus Düsseldorf, findet aber Hamburg schöner. So soll es sein. Rasender Applaus des Publikums, in dem sich übrigens alle Charaktermasken des Stücks noch einmal live beobachten ließen, einschließlich der Gauner, Geschäftsleute und höheren Töchter. Wer einen Nerv dafür hat, sollte sich den Spaß nicht entgehen lassen.

Hamburg Royal, 24. 9. – 1. 11., täglich außer montags im St. Pauli Theater, Spielbudenplatz 29–30.