Jeder sechste Schüler versagt in Deutsch, titelte das Abendblatt vor Kurzem – und versetzte die Hamburger Eltern in Aufregung. Eine bundesweite Studie hatte ergeben, dass 15 Prozent der Hamburger Drittklässler und 16 Prozent der Achtklässler die Mindeststandards im Lesen verfehlen. Die Daten veröffentlichte die Schulbehörde nur auf Druck der Opposition. Das passt gut ins Image des Hamburger Schulsystems: Die Schulen sind schlecht, die Schüler versagen, und der Senat versucht auch noch, das zu verheimlichen. Aber was davon stimmt eigentlich – und was nicht?

Sind unsere Schüler wirklich so dumm?

Nein, zumindest kann man das nicht aus den Zahlen schließen, die in der vergangenen Woche veröffentlicht wurden. Die Schlagzeile hätte korrekterweise lauten müssen: 15 Prozent der Drittklässler haben bei einem Lesetest in diesem März Texte noch nicht so gut verstanden, wie sie es nächsten Sommer, zum Ende der Grundschulzeit, können sollten. Man hätte aus den Zahlen auch eine Erfolgsmeldung machen können: Zwei von drei Drittklässlern waren schon fit genug für die weiterführende Schule.

Das heißt aber nicht, dass es kein Problem gibt. Im vergangenen Jahr verfehlten 14,2 Prozent der Schüler am Anfang der fünften Klasse im Lesen den Mindeststandard der vierten Klasse. Das ist seit einem Jahr bekannt und deutlich erschreckender. Eine Neuigkeit war es aber nicht: Dass jeder sechste bis achte Hamburger Schüler große Schwierigkeiten im Deutschunterricht hat, zeigt sich immer wieder in Studien. Schon 2003 konnten 11,9 Prozent der Schüler am Ende der Grundschule nicht ausreichend lesen. Auch wenn man diesen Wert aus wissenschaftlicher Sicht nicht mit den heutigen Werten vergleichen kann, lässt sich schlussfolgern: Ein Teil der Hamburger Schüler scheitert schon am Verstehen von Texten – und das schon ziemlich lange.

Wenn das Problem so lange bekannt ist, warum tut sich nichts?

Dass sich nichts tut, ist nicht richtig. Seit 2003 wurde die Schulbehörde von der FDP, der CDU, den Grünen und der SPD geführt – und immer wieder gab es Initiativen, um die Leseprobleme in den Grundschulen in den Griff zu kriegen. Wie erfolgreich sie waren, ist allerdings schwer zu beantworten. Erst seit 2012 werden bei den Lesetests vergleichbare Maßstäbe angelegt.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 40 vom 01.10.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Seither hat sich kaum etwas verändert, sagen die Forscher vom Institut für Bildungsmonitoring und Qualitätsentwicklung, das der Schulbehörde unterstellt ist und die Tests durchführt. Das könnte man aber sogar als Erfolg interpretieren. In den vergangenen Jahren ist nämlich die Gruppe der Schüler größer geworden, bei denen die Gefahr hoch ist, dass sie nicht richtig lesen können: Jedes zweite Kind an Hamburger Schulen hat keine deutschen Eltern, bei jedem vierten Grundschüler wird zu Hause nicht deutsch gesprochen.

Schulsenator Ties Rabe (SPD) will wegen der Kritik an den Grundkenntnissen der Schüler den Mathe- und Deutschunterricht verbessern. In Deutsch wurde ein verbindlicher Kanon von Wörtern eingeführt, die Kinder schreiben können müssen. Mathe soll wieder häufiger von Fachlehrern unterrichtet werden. Ob die Maßnahmen weit genug gehen, wird sich in einigen Jahren zeigen. Inzwischen werden nämlich jedes Jahr vergleichbare Daten erhoben.

Wie schlimm stehen wir im Vergleich zu den anderen Bundesländern da?

Der vor wenigen Wochen veröffentlichte Test wird jedes Jahr in den dritten und achten Klassen in allen Bundesländern erhoben. Die Ergebnisse sollen Lehrern und Schulen Rückmeldung darüber geben, ob ihre Schüler in der dritten Klasse schon gut genug für die weiterführende Schule sind – oder ob sie in der verbleibenden Zeit noch gezielter gefördert werden müssen.

Für Vergleiche zwischen den Ländern ist die Studie nicht ausgelegt, daher veröffentlichen auch nur Berlin und Brandenburg ihre Ergebnisse in vergleichbarer Weise wie Hamburg. Die Daten kann man trotzdem nicht richtig vergleichen, weil in Berlin die Lehrer die Tests selbst auswerten, in Hamburg wird das von Wissenschaftlern gemacht. Täte man es wider besseres Wissen doch, läge Hamburg leicht vor Berlin und Brandenburg.

Einen Vergleich ermöglichen aber ältere Daten. 2011 wurden zuletzt die Leistungen der vierten Klassen im Bundesvergleich erhoben. Damals kam Hamburg – wie so oft in Bildungsstudien – auf den drittletzten Rang: hinter den Flächenstaaten, aber vor den anderen Stadtstaaten. Ob das so bleibt, wird sich im Herbst 2017 zeigen. Dann wird die nächste Vergleichsstudie veröffentlicht.