Mit einem leeren Rollstuhl an der Ecke der Bühne beginnt das neue Großprojekt von Regisseur Luk Perceval. Die über 100-jährige Adélaïde Fouque soll man sich in diesem Rollstuhl vorstellen, sie sitzt dort als unsichtbares Gespenst der Familienvergangenheit, stumm schon seit langer Zeit. Trotzdem steht sie im Mittelpunkt, die Familienmitglieder stellen sich auf, im Halbkreis um sie, blicken mit Ehrfurcht, Verachtung und Erstaunen hin zu diesem Phantom im Rollstuhl.

Adélaïde ist die Urmutter der Familie Rougon-Macquart, die im Zentrum von Émile Zolas großem Romanzyklus steht. Zola wollte mit der Familie die Gesellschaft Frankreichs in der Mitte des 19. Jahrhunderts beschreiben, die sozialen Verwerfungen in der Arbeiterschicht genauso wie die Geisteshaltung des Bürgertums.

Luk Perceval scheint inzwischen so etwas wie ein Spezialist für die Adaption von Romanstoffen auf der Bühne zu sein. Zuletzt hat er Die Blechtrommel von Günter Grass inszeniert. Jetzt hat Perceval sich gleich einen pompösen Romanzyklus vorgenommen, in drei Teilen über drei Jahre verteilt will er Zolas Familienkaskaden aufführen. Den Anfang macht Liebe. Trilogie meiner Familie I, das aus den Romanen Der Totschläger und Doktor Pascal entstanden ist.

Perceval lässt die beiden Erzählungen meist parallel laufen. Den Doktor Pascal gibt der fulminante Stephan Bissmeier, der selbst im historischen Kostüm mit Kläppchenkragen nicht in Distanzierungsroutinen verfällt. Er spielt den ledigen und kinderlosen Doktor, der aus dem bürgerlichen Teil der Rougon-Macquart-Familie stammt. Pascal hat sich allein der Wissenschaft verschrieben, er will die Geheimnisse der Vererbung ergründen. Schließlich aber entbrennt eine Liebe zwischen ihm und der Nichte, die in seiner Obhut lebt.

Weit mehr Platz räumt Perceval allerdings der zweiten Erzählung ein, die für den verarmten Zweig von Zolas Beispiel-Familienstammbaum steht. Liebe, das heißt hier vor allem: "Ich liebe Männer, die ihren Lohn nach Hause bringen." Das sagt die Wäscherin Gervaise aus Der Totschläger. Gabriela Maria Schmeide spielt sie als resolute Frau aus der Arbeiterschicht, die eigentlich nicht mehr viel im Leben will, als ihre Kinder ordentlich großzuziehen. Ihr erster Mann ist abgehauen, nachdem er sie geprügelt hat, bis sie nur noch humpeln konnte. "Das mit den Männern brauch ich auch nicht mehr ... so sehr", sagt Gervaise, um sich dann doch wieder auf einen anderen einzulassen, der schließlich genauso das Geld in der Kneipe Totschläger versäuft wie der erste – nur dass das Geld immer weniger wird, seit die Maschinen den Männern die Arbeit wegnehmen.

Die eigene Wäscherei, die Gervaise eröffnet hat, treibt sie schließlich in den Ruin. Und alles zusammen treibt Gervaise in den Totschläger, wo sie ebenfalls zur Trinkerin wird. Am Ende stirbt sie allein. Erst der Geruch bringt die Nachbarn darauf, mal in ihrem schmutzigen Zimmer nachzusehen.

Was hätte man alles aus diesem Stoff machen können: Man hätte ihn in eine chinesische Foxconn-Fabrik verlegen können, in der schlecht bezahlte Arbeiter iPhones zusammenschrauben; man hätte die Destilliermaschine, die im Totschläger steht und die von Gervaise fast sinnlich angerufen wird, in ein Crystal-Meth-Labor in der ostdeutschen Provinz verfrachten können.

Zum Glück hat Luk Perceval nichts davon getan. Er bleibt dem Originalstoff treu und bremst die Wucht nicht, die das Elend von Gervaise ohnehin entfaltet.

Er fügt ihm durch die Kombination beider Romane nur etwas hinzu, das dem Stück permanente Spannung verleiht: die Theorie des Doktor Pascal, die behauptet, Unglück und Armut seien vererblich, sie würden sich als genetischer Hang zu Alkoholsucht und Gewalt im Familienstammbaum ausbreiten wie Gift, dem keiner entkommen könne. Ein Gedanke, der nur befremden kann angesichts der Lebensbedingungen der Arbeiter, die Perceval in ihrer brutalen Härte aufzeigt.

Ein Gedanke, der einen aber erschaudern lässt und der sich, während man Percevals Inszenierung schaut, nie ganz abschütteln lässt: Ist da vielleicht doch etwas dran an dem Gefühl, seinem Schicksal nicht entrinnen zu können? Egal, in welcher Gesellschaftsform, egal, in welchem Wirtschaftssystem?

Perfekt symbolisiert diese Urangst Annette Kurz in ihrem Bühnenbild: Auf der Bühne steht eine Hohlkehle aus Holzdielen. Die Schauspieler laufen sie immer wieder hinauf, sie rennen, sie schlingern, sie taumeln und rutschen schließlich, von der unentrinnbaren Schwerkraft erfasst, nach unten. In den Abgrund. In das, was die Welt für die meisten von ihnen ist: ins Elend.

Thalia Theater, Alstertor 1. Nächste Aufführungen: 2., 9., 15. und 16. Oktober.