"Diese Texte sind mit einer Sorgfalt geschrieben, und diesen Luxus können wir uns in Westdeutschland nicht mehr leisten." So begann mitten in die Stille hinein Uwe Johnson sein Lob auf einen Unbekannten, der soeben zum ersten Mal eigene Texte vorgelesen hatte. Das geschah am 1. Mai 1974 in Wilhelmshagen unweit des Ost-Berliner Müggelsees; Schriftsteller aus Ost und West hatten sich privat getroffen, darunter neben Johnson Günter Grass, Nicolas Born und Hans Christoph Buch. Bei dem Unbekannten handelte es sich um den 39-jährigen Sprachwissenschaftler Hans Joachim Schädlich. Und Johnson dekretierte: "Ich erwarte in einem Jahr ein Buch von Ihnen."

Hans Joachim Schädlich, der am 8. Oktober seinen 80. Geburtstag feiert, ist zu einem großen, preisgekrönten Autor geworden. Und er ist der Sorgfältigste unter den heutigen deutschen Schriftstellern: Kein Wort ist zu viel, an der Sprache meißelt er, bis sie in größtmöglicher Klarheit erscheint, auf kunstvolle Weise nackt, immer edel und einfach, nie einfältig schlicht. Zum Jubiläum kann man das in einer zehnbändigen Taschenbuch-Werkausgabe bei Rowohlt nachlesen, in Romanen wie Tallhover und Kokoschkins Reise oder in seinen meisterhaften Novellen.

Jene Geburtsszene des Autors Schädlich findet sich hingegen im Nachwort zum Band Catt: ein wieder aufgetauchtes Fragment vom Beginn der siebziger Jahre über eine Autorin namens Catt, die in Ost-Berlin als Taxifahrerin jobbt (120 S., Verbrecher Verlag, Berlin 2015; 19 Euro). Hier zeigt Schädlich bereits sein Können: Der alltägliche DDR-Wahnwitz bedrängt sofort – natürlich konnte er dort niemals veröffentlichen. Es waren vielmehr jene Schriftstellertreffen, die den Wissenschaftler ermutigten, zum Künstler zu werden. Eigensinnig ging er seinen Weg, später auch im Westen, vehement attackierte er all jene, die nach 1989 zu sanft mit östlichen Staatsdichtern umgingen. Erschütternd ist seine Erzählung Die Sache mit B. von 1992, in der er die Spitzeltätigkeit seines Bruders verarbeitete, der ihn jahrelang ausspionierte, wie er aus den Stasiakten erfuhr; 2007 erschoss sich der Bruder auf einer Parkbank in Prenzlauer Berg. Die Geschichte ist mächtig, aber bei Hans Joachim Schädlich kann jeder lernen, dass sorgfältige Sprache viel mächtiger ist.