Jetzt also offiziell: Hapag-Lloyd soll noch 2015 an der Frankfurter Börse notiert werden. Anfang der Woche teilte Hamburgs größte und traditionsreichste Reederei mit, man werde Aktien im Wert von 500 Millionen Dollar ausgeben. Viel konkreter wird das Unternehmen derzeit nicht. Analysten glauben, der Schifffahrtskonzern könnte bei einem Börsengang insgesamt mit mehr als fünf Milliarden Euro bewertet werden. Und all das könnte schon bis Anfang November passieren.

Der Schritt kommt früher als einst geplant und ist doch überfällig: Vor mehr als zehn Jahren hatte das Unternehmen, das so sehr mit Hamburg verbunden ist wie kein anderes, die ersten Börsenpläne – die letzten im Frühjahr 2011. Damals kam die Katastrophe in Fukushima dazwischen. Danach ging es wegen der Schifffahrtskrise ohnehin nur noch bergab. 2014 machte Hapag-Lloyd den zweitgrößten Verlust seiner Geschichte: mehr als 600 Millionen Euro. Keine guten Voraussetzungen, um Aktionäre zu begeistern.

Es musste eine Erfolgsstory her. Die sollte der neue Vorstandschef Rolf Habben Jansen schreiben, der dabei vor allem von der Zusammenlegung mit der chilenischen Reederei CSAV profitierte, einem Deal, den noch sein Vorgänger Michael Behrendt eingefädelt hatte. Im ersten Halbjahr 2015 machte Hapag-Lloyd prompt 157 Millionen Euro Gewinn, bei 4,7 Milliarden Euro Umsatz. Trotzdem hatte es lange geheißen, dass der Konzern mindestens drei bis fünf gute Quartalsergebnisse abwarten wolle.

Jetzt, so scheint es, kann der Börsengang kaum schnell genug gehen. Aus Sicht von Hapag-Lloyd ist die Gelegenheit günstig: Das Geschäft läuft, die Einsparungen aus der Fusion waren höher als geplant, und die Integration des südamerikanischen Partners lief besser als angenommen.

Mit dem Geld aus dem Börsengang will Hapag-Lloyd weiteres Wachstum finanzieren: Unter anderem sollen sechs Megaschiffe für bis zu 20.000 Container bestellt werden. Bislang fassen die größten Schiffe der Reederei nur 13 200 Container – zu wenig, um im internationalen Wettbewerb mithalten zu können.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 40 vom 01.10.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Auch die Haupteigentümer unterstützen das Börsenprojekt. Es sind die Stadt Hamburg (23 Prozent), der Milliardär Klaus-Michael Kühne (21 Prozent) und seit vergangenem Jahr der Konzern CSAV (34 Prozent), hinter dem der chilenische Unternehmer Andrónico Luksic steht. Kühne und Luksic wollen zusammen auch gleich ein Fünftel der neuen Aktien kaufen. Warum also brav auf langfristig stabile Gewinne warten?

Zur Wahrheit gehört auch, dass Hapag-Lloyd lieber heute als morgen an die Börse sollte. Zum einen will der Reisekonzern TUI, dem 14 Prozent der Reederei gehören, seine Anteile so schnell wie möglich loswerden und macht Druck. Zum anderen ist ungewiss, ob die komfortable Lage des Unternehmens so komfortabel bleibt: Bislang hat die Reederei die Turbulenzen auf den Weltmärkten einigermaßen abgefedert, allerdings gab es schon im zweiten Quartal dieses Jahres deutlich weniger Gewinn als im ersten. Hinzu kommt, dass sie ihre guten Zahlen eben nicht nur dem neuen Vorstand Habben Jansen verdankt, sondern auch günstigem Treibstoff und einem starken Dollar. Die Preise, die Reedereien für ihre Transportdienste verlangen können, sind weiterhin niedrig. Die Schifffahrtskrise ist nicht überwunden, sondern wird nur mit immer höheren Einsparungen ausgeglichen.

Was heißt das nun für Hamburg? Derzeit ist die Stadt der zweitgrößte Anteilseigner, und Hapag-Lloyd sorgt mit seinen Partnern für unzählige Container und Arbeitsplätze im Hafen. Auch deshalb hatte die Stadt ihre Anteile 2012 noch erhöht. Damals hatte Bürgermeister Scholz angekündigt, dass er das Geld des Landes zurückhaben wolle. In Form einer Dividende oder weil Hamburg seinen Teil wieder losschlägt. Beides ist vorerst unwahrscheinlich.

Wenn nun Aktien ausgegeben werden und die Stadt nicht zukauft, nimmt ihr Anteil am Unternehmen ab. Trotzdem bleibt ihr Einfluss gewahrt: Hamburg, Kühne und Luksic haben vereinbart, langfristig zusammen eine Aktienmehrheit zu halten und Entscheidungen gemeinsam zu treffen. Das ist gut für Hamburg, auch wenn die Stadt einstweilen kein Geld zurückbekommt.