DIE ZEIT: Herr Aslan, die deutsche Polizeigewerkschaft fordert, in den Flüchtlingsunterkünften Christen und Muslime zu trennen. In mehreren Heimen wurden Flüchtlinge, vor allem Christen, wegen ihres Glaubens bedroht. Was halten Sie von der Forderung der Polizei?

Ednan Aslan: Viele Flüchtlinge kommen direkt aus Religionskonflikten, und diese Konflikte enden nicht an unseren Grenzen. Wir müssen Religionsfreiheit und Religionsfrieden sichern. Dafür brauchen wir aber nicht nur die Polizei, sondern wir müssen gerade jetzt zu unseren europäischen Werten stehen. Sonst verlieren die Menschen, die bei uns Zuflucht suchen, den Respekt vor genau diesen Werten.

ZEIT: Welche meinen Sie? Und warum sollten Syrer oder Iraker sie teilen?

Aslan: Es geht um unsere gemeinsame Zukunft. Gerade die arabischen Muslime sehen es als Schwäche des Westens, dass hier Gott nicht mehr ganz so ernst genommen wird. Ihre eigene Religiosität aber empfinden sie als moralische Überlegenheit und Stärke. Sie müssen lernen, dass in Europa nicht in erster Linie der eigene Glaube, sondern die Toleranz gegenüber anderen zählt. Hier geht es nicht um Gott, sondern um das friedliche und respektvolle Zusammenleben aller. Genau das ist unsere Stärke.

ZEIT: Unsere Kirchen klagen über Austritte, fürchten, der Glaube verschwindet. Und Sie?

Aslan: Nein. Ich begrüße unsere europäische Säkularität. Denn sie gehört zur Freiheit. Ohne diese Freiheit gäbe es beispielsweise keine Gleichberechtigung der Frau. Viele Araber, auch arabische Frauen, betrachten die weibliche Selbstbestimmung als soziale Verwahrlosung. Wir müssen unsere freiheitlichen Positionen besser begründen und verteidigen. Diese Fähigkeit ist bei uns unterentwickelt.

ZEIT: Ein Hamburger Pfarrer, der in seiner Kirche muslimische und christliche Flüchtlinge aufnahm, berichtet, dass religiöse Unstimmigkeiten nicht zwischen den Religionen aufkamen, sondern innerhalb einer Religion. Wo sehen Sie die Gefahr?

Aslan: Nicht bei den Gläubigen, sondern in der Theologie. Europa hat noch keine starken Strukturen, wo der Islam mit europäischer Prägung gepredigt wird. Moscheen, Imame, Verbände sind überwiegend konservativ. Die meisten Imame kommen aus der Türkei, aus Saudi-Arabien, aus Kuwait und Marokko, sie repräsentieren keine pluralitätsfähige, sondern eine überhebliche Theologie. Ich befürchte, dass der Islam durch den Zuzug der Flüchtlinge weiter arabisiert wird.

ZEIT: Was meinen Sie damit? Und was sagen Sie dazu, dass Saudi-Arabien in Deutschland 200 Moscheen für syrische Flüchtlinge bauen will?

Aslan: Auch der Glaube braucht eine Heimat, aber nicht diese. Die Saudis fördern mit viel Geld eine Arabisierung, eine Wahhabisierung des Islams. Er wird auf seine Entstehungsgeschichte im 7. Jahrhundert reduziert und eng ausgelegt. Dazu gehört, dass Andersgläubige als Ungläubige verachtet werden. Die ganze Glaubensidentität speist sich aus der Verachtung anderer. Ich nenne den Wahhabismus deshalb eine Verachtungstheologie. Und diese Verachtung produziert Gewalt. Das sehen Sie am "Islamischen Staat", der stolz darauf ist zu töten.

ZEIT: Viele muslimische Flüchtlinge sind selber Opfer dieses Fundamentalismus. Warum sollten sie ihm hierzulande anhängen?

Aslan: Weil noch nicht alle verstanden haben, dass Fundamentalismus an sich fatal ist. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Die meisten muslimischen Flüchtlinge gehen deshalb nicht nach Saudi-Arabien, weil sie sich vor den harten Scharia-Gesetzen fürchten. Aber für die Scharia sind sie trotzdem irgendwie. Wir müssen solche Widersprüche klären. Islam, bitte aufgeklärt! Es geht jetzt nicht darum, in der Religion auf eine eigene Wahrheit zu verzichten, sondern die Wahrheit der anderen für genauso legitim zu halten wie die eigene. Das ist die Grundlage der europäischen Pluralität. Wir brauchen immer mehr einen europäischen Islam, der die Muslime zur Pluralität befähigt. Sonst bleiben die Muslime immer auf der Flucht, ohne innere Heimat.

Ednan Aslan ist Professor für islamische Religionspädagogik in Wien.