Im Jahr des Mauerfalls erhob überall die Freiheit das Haupt. Geduckt aber blieb die arabisch-islamische Welt; keine Spur von der "neuen Epoche der Weltgeschichte", die Goethe bemühte, um den Sieg der demokratischen Revolution in Frankreich zu feiern. Wie beglückt waren wir, als im Dezember 2010 der Arabische Frühling in Tunis ausbrach. Weggefegt wurden die Machthaber im Maghreb, dem Tyrannen in Syrien drohte der Untergang. Vorbei. Es folgten neue Despoten, Bürgerkriege und Massenflucht. Nun wird der Frühling endgültig erstickt.

Das ist die Botschaft der unheiligen Allianz Amerika-Russland-Iran plus Berlin im Schlepptau, die sich gezielt oder implizit an die Seite des Massenmörders Baschar al-Assad stellt. Die Logik dieses bizarren Bündnisses ist simpel: lieber Friedhofsruhe als Chaos, lieber Assad als die Terrorbrigaden des IS und von al-Nusra. Nur wird die Rechnung weder real- noch moralpolitisch aufgehen.

Für Russland und den Iran ist der wacklige Dreibund mit Amerika kein humanitäres Projekt. Unübertroffen ist Putins Zynismus, der gerade im CBS-Interview die Assad-Diktatur als "legitime Regierung" verklärt hat. Ob er nicht wisse, dass "andere Koalitionäre" Assad davonjagen wollten? Putins süffisante Antwort: "Das mögen sie doch dem syrischen Volk unterbreiten", habe doch nur dieses das "Recht, zu entscheiden, wer das Land regieren soll – und wie". Knapp die Hälfte des Volkes – neun Millionen Menschen – ist auf der Flucht, etwa vier Millionen jenseits der Grenzen. Sie haben längst mit den Füßen abgestimmt.

John Kerry hat es plötzlich mit Assads Abgang nicht mehr eilig; "der nächste wichtige Schritt" seien die "Militärgespräche" mit Russland. Auch die Kanzlerin will "Gespräche" mit Assad. Worüber – über seine Läuterung im erbarmungslosen Krieg um den Machterhalt? Es ist ein klassischer Reflex: Wenn du nicht mehr weiterweißt, schaffe einen Redekreis. Merkels Vize Gabriel redet mal so, mal so: Erst will er die Sanktionen gegen Russland aufheben, dann doch nicht. Obamas Wankelmut gleicht dem deutschen. Vor der UN-Vollversammlung verkündete er einerseits, mit "allen Nationen" reden zu wollen, "auch mit Russland und dem Iran". Anderseits will er "Tyrannen" wie Assad nicht unterstützen, die unschuldige Kinder mit Fassbomben massakrieren, weil die Alternative angeblich noch schlimmer sei.

Wie soll das funktionieren, wenn Assad erst nach einem "Übergang" (Kerry) weg soll? Mit solch unbefristeter Verlängerung kann Assad bequem weiterbomben. Umso mehr, als Obama bloß die "Konflikt-Dämpfung" im Trio mit dessen Schutzmächten Russland und Iran will. Der Westen plaudert, Putin schafft Fakten. Sein jüngster Schachzug ist das Geheimdienst-Bündnis mit Syrien, dem Iran und dem Irak, dem Klienten der USA. So trickst man die Weltmacht aus, die sich als Partner andient. Putin verlegt Soldaten, Panzer, Jets und Drohnen nach Syrien – angeblich, um den IS zu dezimieren. Nur fliegen die Russen in Gegenden ohne IS-Präsenz. Das heißt: Sie haben jene Milizen im Visier, die mit US-Hilfe gegen Assad kämpfen. Moskau verstärkt zudem seine Flugabwehr (mit SA-22), die dem Westen signalisiert: Eine Flugverbotszone könnt ihr vergessen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 40 vom 01.10.2015.

Wie die Russen wollen auch die Iraner Assad um jeden Preis halten. "Der Präsident muss bleiben", insistiert sein iranischer Kollege Ruhani. Revolutionsgardisten dienen dem Regime als Prätorianer; im Südwesten kämpft der verlängerte Arm des Irans, Hisbollah, für den Damaszener. IS hin oder her, Obamas "Bundesgenossen" Moskau und Teheran fahren auf mehreren Gleisen zum eigentlichen Ziel: der Vorherrschaft in Nahost – mit Assad als Gewähr. Russland richtet sich in den Stützpunkten Tartus und Latakia ein. Der Iran braucht Assad für die Waffenpipeline zur Hisbollah im Libanon, die seine Expansion bis zum Mittelmeer absichert. Und beide wollen die amerikanische Vormacht vom Thron stoßen, den diese als Erbe Englands und Frankreichs vor fünfzig Jahren erklommen hatte.

Videografik - Die russisch-syrischen Beziehungen Während Russland am syrischen Machthaber festhält, fordert der Westen seine Ablösung. Dieses Video erläutert die Hintergründe der engen russisch-syrischen Beziehungen.

Warum auch nicht, probt doch Obamas Amerika seit 2009 die Selbsteindämmung, ja die Selbstentmachtung in Mittelost. Raus aus dem Irak, fast raus aus Afghanistan, bloß nicht rein nach Syrien, als ein Militärschlag gegen das Regime noch gewirkt hätte und der IS noch nicht auf der Siegerstraße nach Bagdad und Damaskus war. Nach den Fiaskos in Afghanistan, im Irak und in Libyen ist Obamas Nie-wieder-Reflex verständlich. Nur funktioniert der Machtverzicht auch nicht. Wer den Einfluss will, muss auch den Eingriff wollen, zumal in einer Welt, in der die Konkurrenz ungestört in das Vakuum eindringen kann.

Das ist die realpolitische Seite der Bilanz, doch sieht die moralische nicht besser aus. Nehmen wir an, Assad setzte sich mit russisch-iranischer Hilfe durch. Auf dem Weg dahin würde er Abertausende abschlachten, dann grausame Rache an den Verlierern nehmen. Er kann aber nicht die Legitimität erringen, die auch der mächtigste Alleinherrscher braucht. Der IS wird umgruppieren, der Zustrom ausländischer Rekruten (30.000 sind schon in Syrien) wird anhalten, die Menschen werden weiter fliehen, die Golfstaaten werden weiter die Opposition munitionieren.

Der Demokratie-Traum in Nahost – siehe Syrien, Ägypten, Libyen, Jemen – ist ausgeträumt, aber der Traum vom "starken Mann" und "geringeren Übel", der die unheilige Allianz leitet, wird sich ebenfalls als Fantasie entpuppen. Assad, Putin und Ruhani werden dem Westen nicht den Gefallen tun, den IS zu zerschlagen, geschweige denn Assad zu stürzen; ihr Ziel ist geopolitischer Gewinn. Wäre Obama ein so gewiefter Machtpolitiker wie Putin, würde er mit Gleichgesinnten ein weltweites Bündnis gegen den globalen Islamo-Terror schirren, statt sich mit seinen ärgsten Rivalen gemeinzumachen. Die bestimmen jetzt das Gesetz des Handelns.