Angesagte Revolutionen finden doch statt – zumindest gelegentlich. Die von FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache ausgerufene freiheitliche "Oktoberrevolution" hat nun tatsächlich bereits im September begonnen. In dem industrialisierten Bundesland Oberösterreich, das noch dazu auch Bauernland ist, konnte ganz Europa beobachten, wer von den Hunderttausenden Flüchtlingen politisch profitiert, die in das Kerngebiet der EU strömen.

Es ist nicht überraschend, dass es die Freiheitlichen sind, denen die Asylsuchenden und Kriegsflüchtlinge politisch nützen. Das hat sich angekündigt – obwohl die Verschiebungen zugunsten der Freiheitlichen nicht nur und auch nicht primär von den Flüchtenden ausgelöst wurden. Die Freiheitlichen sind die Nutznießer des Stillstands und der lähmenden Politik, die – manchmal auch zu Unrecht – der Wiener Bundesregierung nachgesagt werden.

Ein breiter Politikfrust richtet sich gegen jene Parteien, die gerade regieren. Mit Rechtsextremismus hat das an sich nichts zu tun. Mit Populismus aber sehr wohl. Denn der Zorn "des Volkes" über "die da oben", die zulassen, dass "die da draußen" zu "uns" kommen, wird mit simplen Formeln und vermeintlich einfachen Lösungsvorschlägen abgerufen.

Die Verlierer sind nicht in erster Linie die oberösterreichischen Ableger von ÖVP und SPÖ. Es sind die regierenden Koalitionsparteien in Wien, die in Oberösterreich abgestraft wurden, weil sie allzu lange eine vorhersehbare Krise nicht zu kontrollieren verstanden und den Eindruck hinterließen, hilflos herumzutaumeln.

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 40 vom 01.10.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Auch wenn derzeit vielerorts das Gegenteil behauptet wird: Wer sich die Trends der vergangenen Jahre anschaut, der weiß, dass Flüchtlingskrisen zwar wichtige Verstärker, nicht aber die primären Ursachen des Absturzes von ÖVP und SPÖ sind und auch noch nie waren.

Doch die Botschaft für Europa ist klar: Ängste, die von den aus katastrophalen Verhältnissen Flüchtenden ausgelöst werden – nur zu oft irrationale Ängste –, nützen denen, für die sich die Etikette "rechtspopulistisch" eingebürgert hat. Das sind unter anderem der Front National in Frankreich, die niederländische Freiheitspartei, die Dänische Volkspartei, die Schwedendemokraten und eben auch die Freiheitlichen in Österreich.

So weit, so schlecht, so vorhersehbar. Die liberale Demokratie ist deshalb aber noch lange nicht an ihrem Ende angekommen. Noch kann man davon ausgehen, dass die Fremdenfeindlichkeit und die irrationalen Bedrohungsszenarien die demokratischen Spielregeln nicht zerstören werden. Noch steht das deutsche Beispiel einer vom Rechtspopulismus nicht verschreckten Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Doch wie lange noch? Bis Marine Le Pen und Heinz-Christian Strache Regierungschefs in Paris und Wien sind? Bis die Grenzen auch zwischen den Staaten der Europäischen Union wieder befestigt werden – zwischen Frankreich und Italien, zwischen Ungarn und Kroatien, vielleicht auch zwischen Österreich und Ungarn?

Josef Pühringer könnte in Linz einen offenen Parlamentarismus ermöglichen

Krisen sind oft der Grund für einen Qualitätssprung. Jean-Claude Junckers Pläne für einen solidarischen Umgang innerhalb der EU in Zeiten der Krise finden vielleicht jetzt doch eine Chance. Die Krise hat sich zu sehr ausgewachsen, sie ist zu präsent, als dass die Illusion einer rein nationalen Bewältigung aufrechtzuerhalten wäre.

Und ebenso können die oberösterreichische Volkspartei und deren Chef Josef Pühringer aus ihrer schweren Niederlage zu einer neuen, positiven Rolle finden. Denn trotz des desaströsen Wahlergebnisses: In der oberösterreichischen Politik führt nach wie vor faktisch kein Weg an der Volkspartei und an Pühringer vorbei. Eine Mehrheit gegen ihn ist politisch auszuschließen.