Sie kamen allein, ohne ihre Familien. Sie fuhren in langen Trecks durch die Sahara, überquerten in überfüllten Barken das Mittelmeer. Sie schlugen sich durch ganz Italien bis nach Mailand, dann rüber nach Chiasso – bis sie schließlich in Oberbüren landeten. In einem Dorf bei Wil, im Asylzentrum Thurhof. 80 Jugendliche, alle zwischen 14 und 18 Jahre alt, im Beamtenjargon UMA genannt: unbegleitete minderjährige Asylsuchende.

2013 waren es noch 337 Minderjährige, die unbegleitet in der Schweiz um Asyl suchten. 2014 bereits 795. Und in diesem Jahr 1224 – Stand: Ende August. Die meisten von ihnen kommen aus Eritrea.

Die Mehrheit der Minderjährigen, die ohne ihre Eltern in die Schweiz kommen, sind junge Männer. Nach ihrer Ankunft im Heim lernen die Flüchtlinge zuerst ein halbes Jahr lang Deutsch. Danach können die 16- und 17-Jährigen eine Vorlehre machen. Oder sie besuchen die Integrationsklasse im gewerblichen Berufs- und Weiterbildungszentrum in St. Gallen.

Für die Jüngeren unter ihnen gibt es noch keine Lösung. Vergangene Woche kam im Thurhof ein sechsjähriger Bub an. Ein Kind, das sich irgendwie nach Oberbüren durchgeschlagen hat. Die öffentliche Schule dürfen sie nicht besuchen. Die Gemeinde sagt, sie habe dafür keine Kapazität. Also überlegt man, diese jungen Flüchtlinge nach drei Monaten in einer Pflegefamilie unterzubringen. Wer das bezahlen soll, ist noch nicht klar.

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 40 vom 01.10.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Was erhoffen sich diese jungen Menschen eigentlich vom Leben in der Schweiz?

Yonas, 18

Wir besuchen den Thurhof zusammen mit Yonas Gebrehiwet. Auch der 18-Jährige flüchtete aus Eritrea in die Schweiz. Seit vier Jahren lebt er zusammen mit seiner Mutter und den drei Brüdern im St. Galler Rheintal. Er macht eine Lehre als Textiltechnologe und schreibt nebenbei eine Kolumne für das Kulturmagazin Saiten.

"Ich war nur kurze Zeit im Asylheim, meine Mutter war ja bereits hier. Das war ein Familiennachzug. Nicht, dass man denkt, ich sei durch die Sahara und übers Meer gekommen. Einer, der hier im Thurhof wohnt, hat mir damals geholfen, im Flüchtlingscamp in Äthiopien ein Bett zu finden. Da isch en nette Siech. Ich kenne hier ein paar noch von der Flucht. In der Schweiz konnten wir bald in eine Wohnung ziehen. Ich bin dann auch schnell in die Schule gegangen. Das war sehr gut. So musste ich Deutsch sprechen. Aber ich habe nichts verstanden. Wenn ich die anderen reden hörte, habe ich immer gedacht: Diese Sprache kenne ich nicht! Bis ich gecheckt habe, dass das Schwyzerdütsch ist. Es ist etwa eineinhalb Jahre gegangen, bis ich alles verstanden habe und selbst gut sprechen konnte. Und dann gab es halt immer mehr Hetze gegen uns Eritreer. Im Fernsehen, in der Zeitung. Deshalb habe ich zu einem Freund gesagt: Wir müssen etwas dagegen unternehmen. Wir haben dann den Medienbund gegründet. Wir möchten, dass die Schweizer mehr über Eritrea erfahren."

Fanuel, 14

Im Obergeschoss, in einem kleinen Schulzimmer. Hier lernen die Jugendlichen tagsüber Deutsch. Fanuel setzt sich. Eigentlich heißt der 14-Jährige anders. Doch damit wir mit den Jugendlichen im Thurhof reden durften, hat die Heimleitung klare Bedingungen gestellt: keine echten Namen, weil die Asylverfahren noch nicht abgeschlossen sind. Keine Fotos. Und Fragen nach der Flucht und der Vergangenheit sind tabu, denn viele der Minderjährigen sind schwer traumatisiert.

Fanuel lebt seit einem Jahr in der Schweiz, trägt ein blaues Shirt, darauf steht: bad boy. Er spricht mit der leisen, hohen Stimme eines Buben:

"Ich kann ja hier nicht viel machen. Meine Aufenthaltsbewilligung habe ich bekommen. Raus kann ich trotzdem nicht. Und sie zahlen mir gleich viel wie den anderen, die erst grad ankamen. Das verstehe ich nicht. Früher erhielten wir 180 Franken im Monat. Jetzt sind es nur noch die Hälfte. Wir haben nachgefragt, warum das so ist, aber keine Antwort bekommen. Das stört mich. Mein Vater flüchtete zuerst nach Israel und lebt jetzt in Uganda. Wir telefonieren manchmal. Ich habe gefragt, ob man ihn in die Schweiz holen könnte. Aber die Behörden haben mir gesagt, dass das nicht geht. Ich habe das akzeptiert. Aber ich wünsche mir natürlich trotzdem, dass er irgendwann kommt. Ich möchte lieber mit meiner Familie leben als in einem Kinderheim. Was ich später machen will? Ich möchte einfach irgendeinen guten Beruf haben, von dem ich leben kann. Etwas, mit dem ich zufrieden bin. Ich schaue einfach mal nach der Schule. Ich weiß noch nicht mehr."

Yonas Gebrehiwet: "Er kennt keinen Beruf, weil es keine berufliche Zukunft in Eritrea gibt. Es ist halt so: Wenn du niemanden siehst, der etwas macht, dann kannst du dir auch nichts wünschen."

Sirak, 16

Er zieht seine Augenbrauen nach unten und blickt verärgert. Sirak trägt Jeans, Turnschuhe und einen giftgrünen Pulli. Vor ihm in der Essensausgabe steht ein Teller Reis. Nur Reis. Er zeigt auf die leeren Flaschen mit Salatsoße. Ein Helfer sagt: "Es hat Tomatensoße und Gemüse. Nimm doch davon." Aber Sirak will Salatsoße auf seinen Reis. Ein Sicherheitsmann und eine andere Helferin versuchen zu vermitteln. "Salatsoße ist für Salat und nicht für Reis." Die anderen Jugendlichen lachen. Er versteht die Welt nicht mehr.

Sirak ist 16 Jahre alt, lebt seit 14 Monaten in der Schweiz. Leise beginnt er seine Sätze in Tigrinya, einer der eritreischen Landessprachen. Und fast alle beendet er laut – mit einem Ausrufezeichen.

"Das Essen hier ist immer das Gleiche. Es gibt immer Reis. Und wir haben zu wenig Geld! Zum Beispiel für Klamotten oder so. Wir kriegen halt nur so Aktionskleider aus dem Brockenhaus. Aber diese Kleider sind so groß und weit geschnitten, da passen gleich zwei von uns rein. Wir werden hier wie kleine Kinder behandelt. Wenn wir spazieren gehen, dann sagt man uns, wir sollen doch etwas bauen. Mit Sand oder so. Aber wer alleine von Eritrea hierhergekommen ist, so viele Probleme gelöst hat, der ist schon längst erwachsen – oder nicht? In der Schule habe ich einmal einen Beruf aufgeschrieben, aber ich erinnere mich nicht, was es war. Die Lehrer haben mir die Berufe vorgeschlagen. Morgen muss ich wegen einer Schnupperlehre anrufen. Irgendwo in Wil. Bei welcher Firma? Das sagt mir dann der Lehrer."

Yonas Gebrehiwet: "Ich konnte überhaupt kein Deutsch, wusste erst gar nicht, wo ich meine Lehre machen werde. Eine Auswahl? Nein, das hatte ich nicht. Aber Textiltechnologe zu werden, war der beste Entscheid. Der Beruf gefällt mir sehr. Und ich bin gut in der Schule. Im nächsten Jahr mache ich die Lehrabschlussprüfung."

Delina, 15

Sie kam vor drei Monaten in der Schweiz. Lose trägt Delina ihr Kopftuch, um den Hals eine Kette mit einem großen Kreuz. Knapp die Hälfte aller Eritreer sind Christen, die andere Hälfte sind Muslime. Die 15-Jährige spricht leise und ernst:

"Ich war zuerst in der Asylunterkunft in Kreuzlingen."

Yonas Gebrehiwet: "Da war ich auch mal."

Delina: "Hier bin ich allein, ohne Geschwister. Tagsüber gehe ich in die Schule. Aber am Wochenende mache ich nichts. Ich sitze herum, ich kann nichts anderes machen. Wir haben einfach einmal Kleider ausgesucht: ein Paar Schuhe, Hosen, Pullis. Viele Kleider konnten wir aber nicht brauchen, weil sie zu groß waren. Wir kriegen nicht mal 100 Franken im Monat, das ist halt einfach zu wenig. Wir brauchen auch so Dinge wie Shampoo und Tampons. Nur schon dafür gibt man ohne Weiteres 80 Franken aus. Aber eigentlich brauche ich einfach meine Eltern. Mein Vater ist in Israel. Ich würde ihn gerne sehen, aber das geht leider nicht. Im Asylverfahren haben sie mich nur gefragt, wie ich hierherkam. Wegen meinem Vater erhielt ich keine Antwort. Wir sind ja noch Kinder. Und dann möchte ich Deutsch lernen. Um später einmal einen guten Beruf zu haben. Auch eine Familie möchte ich irgendwann gründen. Aber wahrscheinlich erst so in acht, neun Jahren."