Ende Januar flimmerte ihr Gesicht zur Primetime über die deutschen Fernseher. Seither ist Elisa Schlott bekannt als das drogensüchtige Mädchen aus dem Kieler Tatort. So eindrucksvoll spielte sie die Crystal-Meth-süchtige Rita, dass ihr die Feuilletonisten der Nation eine große Karriere vorhersagten. Die Schauspielerin ist erst 21 Jahre alt, hat aber schon an der Seite von Iris Berben, Corinna Harfouch oder Ulrich Mühe gedreht. Kürzlich erhielt sie den Günter-Strack-Fernsehpreis als beste Nachwuchsschauspielerin.

Im echten Leben sieht Elisa Schlott unscheinbar aus: 1,60 Meter groß, ungeschminkt, Jeansshorts, schwarze Bluse. So sitzt die Berlinerin in einem Café im Bürgerpark in Pankow und scheucht mit einer lässigen Handbewegung eine Wespe davon. Gerade ist sie von einem Mallorca-Urlaub zurückgekehrt, entspannt denkt sie über ihre Abi-Zeit nach.

Im Märkischen Viertel geboren und aufgewachsen in Pankow, ist Elisa eine Berlinerin durch und durch. Während ihrer Jugend führte sie eine Art Doppelleben, wie sie erzählt. Im Rosa-Luxemburg-Gymnasium war sie für alle die "Elli", schrieb Durchschnittsnoten und schob nachmittags ihren kleinen Bruder im Kinderwagen durch den Kiez. Die Ferien aber verbrachte sie meist mit Regisseuren und Maskenbildnern, zwischen Scheinwerfern und Kameras. Von der Schauspielerei, die sie damals eher als Hobby betrachtete, erzählte sie ihren Schulfreunden nur wenig. "Ich wollte nicht arrogant oder affektiert rüberkommen", sagt Elisa Schlott heute.

Den Wunsch, vor der Kamera zu stehen, hatte sie schon früh. Mit elf drehte sie ihren ersten Kurzfilm: einen Werbespot für Frühstücksflocken auf Teneriffa. Danach ging es Schlag auf Schlag. Jedes Jahr folgten ein bis zwei Film- oder Fernsehproduktionen.

Ihre Eltern unterstützten Elisa bei ihren Projekten. "Meine Mama hat mir durch ihre bodenständige Art immer sehr geholfen und darauf geachtet, dass ich nicht in die falschen Kreise gerate", erzählt sie.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 40 vom 01.10.2015.

Die Fehlstunden in der Schule holte Elisa abends nach den Drehs in der Hotellobby auf. Ihre Freundinnen scannten Arbeitsblätter und Unterrichtsmaterialien für sie ein, damit sie immer auf dem neuesten Stand blieb. Fernab von der Schule und den Freundinnen war es für sie dennoch nicht immer leicht, sich zum Lernen zu motivieren. "Manchmal habe ich mich sehr einsam gefühlt", erinnert sie sich.

Während der letzten beiden Schuljahre wurde Elisas Doppelleben auf die Probe gestellt. Weil der Unterrichtsstoff anspruchsvoller wurde, entschied sie, eine Filmpause einzulegen und Angebote vorerst abzulehnen. "Ich habe gewusst, dass ich das sonst nicht gepackt hätte", sagt sie. Sie konzentrierte sich auf die Schule, der Stress mit Castings und Fehlstunden drohte zu viel zu werden.

Das Abiturzeugnis sollte möglichst gut sein – schließlich war der Karrierewunsch Schauspielerin noch nicht in Stein gemeißelt, auch wenn sie noch keine andere Berufsidee hatte. In den letzten Wochen legte sie Lernmarathons ein und brachte so ihre Abi-Note auf 2,1.

Als Elisa Schlott ihr Abi-Zeugnis in den Händen hielt, folgte die große Leere. Zwar hatte sie nun endlich wieder Zeit für Engagements in der Filmbranche, doch die Angebote blieben aus – sie hatte den Anschluss verloren. "Ich hing in der Luft", erinnert sie sich. Bei den Castings hagelte es so viele Absagen, dass sie schon dachte, sie hätte das Schauspielen verlernt. "Ich befürchtete, nicht mehr so impulsiv zu sein wie als Kind."

Vor der Leere flüchtete Elisa Schlott ins Ausland, nach London. Sie besuchte Schauspielseminare und einen Englischkurs. Der Abstand half. "Ich habe wieder gemerkt, welche Power in mir steckt", sagt sie. Wenn sie erzählt, gestikuliert sie wild mit den Händen, ihr Körper bleibt ruhig.

Zurück in Deutschland bekam sie sofort ein Engagement – an den Hamburger Kammerspielen. Mit dem neuen Schwung überzeugte sie schließlich auch beim Casting für den Tatort. Vor einem Jahr entschied sie sich schließlich für ein Studium: Schauspiel an der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig. Das Kapitel Schule ist für sie damit abgeschlossen. Nur in ihrem nächsten Projekt, einem Kurzfilm, da wird sie nochmals von ihrer Vergangenheit eingeholt: Elisa Schlott spielt eine Schülerin.