Read the English version of this article here

Beg Zeqiri: Herr Strobl, warum muss ich gehen?

Thomas Strobl: Ich sage es ganz klar: Wir müssen uns auf jene konzentrieren, die an Leib und Leben bedroht sind. Das sind Sie nicht. Die Menschen aus Syrien beispielsweise flüchten vor Folter, Vergewaltigung und Tod, die fürchten um ihr nacktes Leben. Wer so flieht, den nehmen wir in diesem Land auf. Es hat aber gar keinen Sinn, Asylbewerber vom Westbalkan in Deutschland zu integrieren. Aus der Praxis wissen wir: Je besser sie integriert sind, umso schwieriger wird es, sie in ihre Heimatländer zurückzuführen.

DIE ZEIT: Warum sind Sie aus dem Kosovo geflüchtet, Herr Zeqiri?

Zeqiri: Ich komme aus Ferizaj, das ist eine Stadt im Norden des Kosovos, etwa 40 Kilometer von der Hauptstadt Prishtinë entfernt. Meine Söhne wurden von Gangs bedroht. Da hieß es: Entweder mitmachen und kriminell werden. Oder abhauen. Mein Land ist voller Korruption. Wenn man mit dem Kind zum Arzt kommt, fragt er als Erstes: Was zahlst du mir? Wenn man kein Geld hat, wirft der Arzt keinen Blick auf das Kind. Aber man kann ihn nicht anzeigen, denn alle sind korrupt, jeder hat schon mal Geld genommen, Polizisten, Politiker, alle. Mit Arbeit kommt man in meinem Land nicht vorwärts. Meine Kinder sind sehr gut in der Schule, aber das wird ihnen im Kosovo nichts nützen.

Strobl: Wie alt sind Ihre Kinder?

Zeqiri: Meine beiden Söhne sind 15 und 17, meine Tochter ist 22.

Strobl: Wie sind Sie nach Deutschland gekommen?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 40 vom 01.10.2015.

Zeqiri: Wir sind am 27. Januar aufgebrochen, meine Frau, die Jungs und ich. Wir sind mit dem Bus nach Belgrad gefahren, wir hatten Koffer und Rucksäcke dabei, dann ging es mit einem anderen Bus weiter nach Subotica, bis an die ungarische Grenze. Wenn man in Subotica im Café sitzt, kommen früher oder später die Schleuser. 400 Euro pro Person habe ich gezahlt, für ungefähr sechs Kilometer Weg. Die Schleuser bringen einen an die Grenze, zeigen einem, wo man rüber kann. Als wir drüben waren, war da sofort die ungarische Polizei, sie hat uns mitgenommen, wir waren ungefähr 20 Leute. Wir wurden nach Szeged gebracht, in ein Gefängnis, Männer, Frauen und Kinder, in einen Raum im Keller. Wir mussten uns ausziehen, auch die Unterhose. Ich bin Muslim, für uns geht so was nicht. Sie haben uns nicht geschlagen, aber sie haben geschrien und uns behandelt wie Verbrecher. Draußen hat man die Polizeihunde bellen hören. Wir mussten alles abgeben, Geld, Führerschein, Pässe, alles. Das Geld haben sie uns am nächsten Morgen wiedergegeben, den Pass nicht. Dann wurden wir in eine andere Stadt gebracht, in eine große Halle, noch mal eine Nacht gefangen gehalten, mit hundert anderen Leuten, Frauen und Männer, alle zusammen. Am nächsten Tag konnten wir dann den Zug nehmen, nach Deutschland.

Strobl: Warum wollten Sie gerade nach Deutschland?

Zeqiri: Deutschland ist in meinem Herzen geblieben, seitdem ich während des jugoslawischen Bürgerkriegs in den neunziger Jahren schon einmal für vier Jahre anerkannter Flüchtling hier war, in Saarbrücken. Oskar Lafontaine, wissen Sie? Damals war mein Land kaputt, alle haben auf alle geschossen, Hass, Blutrache, alle Häuser in Trümmern, man konnte das nicht aushalten. Dann kommt man nach Deutschland: Die Bürgersteige sind sauber, die Polizei ist freundlich, die Leute sind ehrlich, sogar die Beamten. Sogar die Beamten! Nach vier Jahren bin ich wegen meiner Verlobten zurück ins Kosovo gegangen. Ich dachte, es wird vielleicht ein bisschen mehr wie Deutschland, mithilfe der EU. Aber daraus ist nichts geworden. Ich bin ein Patriot. In meinem Haus in Ferizaj hing immer eine deutsche Fahne. Meine Kinder haben von klein auf deutsches Fernsehen geguckt, um die Sprache zu lernen.

Strobl: Was ist denn jetzt Ihr rechtlicher Status?

Zeqiri: Ich bin geduldet, aber nur noch für zwei Monate. Ich bin in einer sehr schlechten Lage. Mein Asylantrag wurde abgelehnt. Eine deutsche Frau hatte mir geraten, gegen die Ablehnung Klage einzureichen. Das war eine Frau, die öfter in die Erstaufnahme kommt, um Flüchtlingen zu helfen. Aber das war Quatsch, das bringt gar nichts. Die Klage wurde abgelehnt, was sowieso klar war, und jetzt muss ich den Anwalt bezahlen, jeden Monat 50 Euro.