Hammett, Chandler, Highsmith, Simenon, Sjöwall-Wahlöö – das sind so die Namen, die einem einfallen, wenn von Kriminalliteratur die Rede ist. William McIlvanney gehört in diese Reihe, ist aber nur wenigen bekannt. Der 1936 in Kilmarnock, einer Industriestadt am Meer nahe Glasgow, geborene Schotte hat nur drei Kriminalromane geschrieben, von denen nicht ein einziger verfilmt wurde. Auf Deutsch war bis 2014 nur der erste erhältlich. Die durchaus wagemutige Entscheidung des Kunstmann-Verlags, alle drei Laidlaw-Romane übersetzen zu lassen, und zwar von der tollen Conny Lösch, eröffnet die Chance, diesen großartigen Autor genauer kennenzulernen.

Der Lyriker und Romancier McIlvanney wollte, seinen biografischen Prägungen folgend, eine Figur schaffen, die die sozialen Erfahrungen des Arbeiters mit wahrer Herzensbildung vereinen sollte. "Ich war auf der Suche nach einem wahrhaftigen Helden. Der Held praktiziert Menschlichkeit über alle Dogmen, Vorschriften, Ideen hinaus. Er ist unser unerkanntes Selbst." Kompromisslos gegen sich sollte er sein und alle bloß konventionellen Übereinkünfte ablehnen. Ein literarisches Programm in bester romantischer Tradition. Erdung bekam es erst, als McIlvanney die damalige Boomtown Glasgow ins Visier nahm und einen Kommissar ins Zentrum rückte: Jack Laidlaw.

Der schottische Name ist Programm: "Gesetz am Boden" könnte man übersetzen. Laidlaw hieß der erste Roman von 1977. Krasse Umkehr der Krimi-Erwartungen vom ersten Satz an: Der Täter ist bekannt. Die Stadt und vor allem ihre Gangster suchen den Jungen, der ein Mädchen erstochen hat, um (sich) zu beweisen, dass er nicht schwul ist. Laidlaw kann ihn nicht retten. Eingewoben glänzende Diskurse über Schuld, Gerechtigkeit, menschliche Schwäche. Im zweiten Roman von 1983, er heißt auf Deutsch Die Suche nach Tony Veitch , sucht Laidlaw nach dem Schuldigen für einen Obdachlosenmord, findet aber wieder ein Opfer: einen Idealisten, den sein Idealismus zum Außenseiter machte.

Auch im dritten von 1991, Fremde Treue, ist ein gescheiterter Idealist das Opfer – Laidlaws Bruder. Der Künstler und Lehrer ist betrunken vor ein Auto gelaufen, ein Gemälde zurücklassend. Das ist der Schlüssel: Fünf Männer sitzen am Tisch, einer mit leerem Gesicht. Erstmals seit Jahren kehrt Laidlaw in den Heimatort Graithnock zurück, spürt detektivisch, gestählt durch Whiskey und in der puritanischen Tradition der Gewissensbefragung, den Lebenslügen des Bruders und seiner Generation nach, sich selbst nicht schonend. Während seine Kollegen zwei Morde aufklären, geht Laidlaw dem größeren Verbrechen nach, von dem niemand wissen, über das niemand reden will oder kann: Es geht um das Eingeständnis verfehlten Lebens, um Lügen und ihre Folgen. Die Idee heldenhaft gelebter Menschlichkeit entpuppt sich als tödlicher Traum.

McIlvanney zu lesen ist kein Spaziergang im Sonnenlicht: Er führt in die Labyrinthe der Selbst- und Existenzbefragung, beleuchtet von glänzenden Aphorismen.