DIE ZEIT: Frau Wittkowski, Frau Egeler – wer von Ihnen hat das bessere Abitur?

Anneliese Wittkowski: Mein Schnitt war 2,3.

Susanne Egeler: Meiner 1,7 – und ich bin bis gerade eben noch nie danach gefragt worden. Trotzdem war es mir immer wichtig, gute Noten zu haben. Weil ich keine Ahnung hatte, wo es danach hingeht.

Wittkowski: Also warst du genau der Typ Schüler, der immer betont: Meine Abiturnote ist wichtig?

Egeler: Ja. Ich habe sogar in der 13. Klasse zusätzlich einen Kurs belegt, damit ich eine Drei in Erdkunde streichen konnte. Wie schlimm das bei mir war, hab ich ehrlich gesagt nicht gewusst. Vor ein paar Tagen habe ich mir wieder unsere Abi-Zeitung durchgelesen. Und da gibt es ein Ranking der punktegeilsten Kollegiaten: Da bin ich auf Platz drei gelandet.

Wittkowski: Das wäre mir nicht passiert, aber bei uns gab es so Rankings nicht. Ich hätte im Zweifel lieber Tennis gespielt. Ich wusste, dass ich irgendwas Geisteswissenschaftliches studieren und Lehrerin werden will, um alles besser zu machen. In Deutsch, Geschichte und Sozialkunde war ich sehr gut. Der Rest war mir mehr oder weniger egal. Es gab ja bei den Studienfächern noch keinen Numerus clausus.

ZEIT: Das ist der Punkt: Heute meinen Eltern und Schüler, ohne ein gutes Abitur sei einem die Zukunft verbaut. Das macht Druck.

Egeler: Eigentlich sollte der Druck durch die Möglichkeiten, die man mit einem Fachabitur an Fachoberschule oder Berufsoberschule hat, geringer werden. Aber vermutlich sehen die Kinder schon in der Grundschule, wie viele Mitschüler aufs Gymnasium gehen, und denken: Ich muss jetzt auch.

ZEIT: 1970 machten weniger als zehn Prozent eines Jahrgangs Abitur, heute sind es mehr als 40 Prozent. Wie war das bei Ihnen?

Wittkowski: Ich glaube, in meiner Grundschulklasse waren wir ungefähr 35 Kinder, und davon haben vier aufs Gymnasium gewechselt.

Egeler: Aus unserer Grundschulklasse waren es damals acht oder neun.

Wittkowski: Ich finde es ganz toll, dass inzwischen so viele aufs Gymnasium wechseln, da bin ich nicht repräsentativ im Kollegium und Bekanntenkreis. Wie viele Kinder sind früher nicht aufs Gymnasium gegangen, die die Möglichkeiten und Fähigkeiten gehabt hätten? Meine Mutter musste, bis wir in der 10. Klasse waren, je 25 Mark Schulgeld im Monat für mich und meine zwei Brüder zahlen. Dazu noch die Fahrkarte nach Rosenheim. Das war richtig viel Geld.

Egeler: Heute müssen Kinder aufs Gymnasium gehen, die vielleicht gar nicht wollen. Ich hatte letztes Jahr in der fünften Klasse so ein Würmchen sitzen, das wegen einer schlechten Note in Tränen ausgebrochen ist, da hab ich mich schon gefragt, ob das Kind nicht auf der Realschule glücklicher gewesen wäre.

Wittkowski: Das Problem ist, dass im bayerischen Schulsystem kaum Rücksicht auf unterschiedliches Lerntempo genommen wird. Da müssten wir noch viel mehr fördern. Es gibt genügend Beispiele von – notenmäßig – schwachen Fünft- und Sechstklässlern, die dann ein gutes Abitur gemacht haben.