Früh um neun liegt Nordstrand noch im Sonntagmorgenschlaf. Um diese Stunde kann die Insel den verhaltenen Reiz ihrer Abgeschiedenheit am besten zur Geltung bringen. Das wasserfleckige Watt verliert sich ins dunstige Grau des Himmels. Über den Stoppeläckern wägen die Nebelschleier noch ab, ob sie sich lichten sollen. Auf das zarte Grün der Wintersaaten sind Schwärme von Möwen gestreut, die hocken und schweigen. Die Hagebutten auf den Friesenwällen setzen rote Kontrapunkte in die milde Grundfarbigkeit von Grau und Grün.

Irritierend sticht aber ein Ton ins Auge, der nicht hierherpasst: das helle, fast aggressive Gelb der Baumaschinen auf dem Deich. Kranausleger recken sich in den friesischen Himmel, über die Deichkrone ragen Hydraulikarme. Kolossale Radlader vermasseln das Morgenidyll durch geschäftige Bewegung. In der Luft hängt das Wummern von Dieselmaschinen, das Tackern von Rammen und das Rumpeln von Steinen auf Stahl.

Auf Nordstrand wird ein neuer Deich gebaut. Die Insel vor Husum, die seit dem Bau eines Fahrdamms 1936 keine wirkliche Insel mehr ist und sich seither "Insel an Land" nennt, liegt an exponierter Stelle in der Deutschen Bucht. Bei Sturmfluten ist die Mole von Strucklahnungshörn der ideale Platz für die Wetterreporter des Fernsehens, um sich in den Wind zu stemmen. Auf Nordstrand greift der Blanke Hans zuerst nach deutschem Boden, erst recht wenn der Meeresspiegel weiter steigt. Auf den am stärksten gefährdeten zweieinhalb Kilometern zwischen dem Norderhafen und Strucklahnungshörn soll der Deich zukunftsfest aufgestockt und dadurch zum "Klimadeich" werden.

Maren Mölcks Pension Nis Puk liegt direkt am Bauzaun. Natürlich sei die Großbaustelle eine Last für den Tourismus, sagt die resolute Wirtin – auch wenn ihre Stammgäste sich durch gesperrte Straßen, Lärm und geblockten Wattblick nicht hätten abschrecken lassen. Im Gegenteil, die Leute seien auf die Baustelle gelatscht, um zu sehen, was da los sei. "Da müssen wir bei", habe sie sich gesagt. Wenn man die Sache richtig anpackte, könnte man ein Event daraus machen. Baustellentourismus statt Wattwanderung – kein falscher Denkansatz auch deshalb, weil die Zahl der Attraktionen auf Nordstrand überschaubar ist. Seit zwei Jahren veranstaltet Maren Mölck jetzt ihre Führungen. Über mangelnden Zulauf kann sie nicht klagen.

Heute hat sich Pfarrer Thorsten Wiese mit zwei Dutzend Schäfchen angesagt. Dass der Pastor sich für den Deich interessiert, liegt nahe. Seine 900 Jahre alte Kirche St. Vinzenz im nahen Odenbüll war das einzige Gebäude auf der Insel, das anno 1634 bei der zweiten "Groten Mandränke", stehen geblieben ist. Einmal im Jahr hält Wiese einen Gedenkgottesdienst für die Opfer der verheerenden Flut ab.

Maren Mölck verpasst den Deich-Spottern knallgelbe Leuchtwesten und warnt: "Nicht vom Pfad abweichen!" Es gibt Spülsände, in denen man versinken kann. Sie sichert sich am Arm des Pfarrers und setzt demonstrativ einen Gummistiefel in den Sand, der prompt über den Knöchel einsinkt. Der Gottesmann tut es ihr nach und sinkt kaum ein. Ein Wunder?