Man kann insgesamt wirklich nicht sagen, dass wir keinen Spaß gehabt hätten im letzten Sommer des Sozialismus", liest man in der Mitte von Peter Richters Erinnerungen 89/90 und kann sich das gut vorstellen. "Wir", das sind Jugendliche, Schüler, Abiturienten, 16, 17 Jahre alt, als es im Osten Deutschlands erst gärte, dann zum Sturz der Mächtigen und bald darauf zum Umbruch der Gesellschaft kam. Aufregende Zeiten, gerade für junge Leute. Im Begriff, sich von den Älteren, den Eltern abzunabeln, brach für sie nun auch das große Ganze auf, platzte die Blase DDR. Der Schauplatz ist Dresden, und hier wie anderswo im ersten und letzten "Arbeiter- und Bauernstaat auf deutschem Boden" flüchteten die Menschen in Scharen in den Westen. Wohnungen, Häuser, Hals über Kopf verlassen, sturmfreie Buden, niemand, der Aufsicht führte, da gingen die "Feten" ab, die später "Partys" hießen. Zuvor traf man sich auf dem "Rue" genannten Boulevard, der Prager Straße, und paradierte zwischen Hauptbahnhof und Altmarkt hin und her. Die verbleibenden Lücken des Tages füllte die Schule.

Die Lehrer im Klassenzimmer: ratlos, sprachlos. Kein Wort zu den Zusammenstößen zwischen Staatsmacht und Bürgern Anfang Oktober 1989 im Zentrum der Stadt, außer eines: Die hatten "Rowdys" angezettelt. Stattdessen Klassenarbeit, Thema "die späte Weimarer Republik", danach zurück ins Mittelalter, "Investiturstreit", Hefte raus! Mir fiel, als ich das las, der Bericht einer Frau ein, die damals zwölf war, in Leipzig lebte und in die sechste Klasse ging. Einer ihrer Lehrer trat ins Kunstkabinett, in dem ein Zeitstrahl die Menschheitsgeschichte von der Urgesellschaft an darstellte, und verhängte mit einem Handtuch das vermeintlich Finale, die Epoche des Kommunismus.

Keine Zeit für die späten Teenager, über derartige Verrenkungen der Erwachsenen nachzugrübeln. Es war die beste Zeit. Jetzt nur nicht überstürzt erwachsen werden, "lieber noch ein bisschen draußen bleiben, ein bisschen spielen". Und dann wird aus dem Spielen unversehens Ernst. Die Peergroup spaltet sich in Antifa und Skinheads. Der Erzähler – Dreadlocks, Palästinensertuch, Lederjacke – mittendrin. Ein Abschnitt blättert Gewaltexzesse auf, Jagdszenen aus Elbflorenz: angezündete Wohnungen, brennende Haare, ausgeschlagene Zähne, gebrochene Glieder, sogar ein blindes Auge. Schlagstöcke, Messer, Gaspistolen gehörten zur Ausrüstung der Kombattanten, selbst Autos wurden zu Waffen. Dass es keine Toten gab: ein Wunder. Richter macht sich den Abstand der Jahre zunutze und fängt die blutigen Scharmützel im Gestus eines Sportreporters ein, der sich trotz immer üblerer Attacken auf den Gegner in seiner Chronistenpflicht nicht irritieren lässt. So detailliert, so anschaulich, mit ausgeprägtem Sinn für den Aberwitz des Geschehens ist dieses Kapitel der frühen Umbruchszeit bislang noch nicht geschrieben worden. Apropos Witz. "Wer Geld hat, braucht keinen Plural." Der Satz fällt im Kontext einer Reise, die der Autor im Sommer 1990 gemeinsam mit Gleichaltrigen aus seiner Heimatstadt nach Bulgarien unternahm. Da kehrten die großen Jungs, mit der D-Mark wedelnd, nicht allein Einheimischen gegenüber den Westler heraus. In bestem Dresdner Dialekt geben sie sich zwei Mädels aus Karl-Marx-Stadt als Westberliner Bürgersöhne zu erkennen und landen allesamt im Bett; einfach köstlich, diese Szene.

Dieses Urteil gilt für die Schilderungen insgesamt, die nur eines nicht sind: Bausteine eines Romans. Erinnerungen, schnappschussartige Rückblenden, auf entspannte Weise lehrreich, das ja. Fortlaufende Fußnoten im Text verweisen auf das Seitenende, wo sich Kommentare zum Zeitgeschehen finden; ein Hauch von David Foster Wallace, der dergleichen exzessiv betrieben hatte. Ein "Epilog" berichtet über das weitere Leben der wichtigsten Personen der Geschichte; durchweg Gestalten aus dem realen Leben wie der Ich-Erzähler selbst.

Wovon Richter mit seinen Jugendfreunden träumte, der Welt mit schrillem Sound, mit aller Lust und allem Frust den Marsch zu blasen, das gelang André Herzberg als Frontmann der 1981 gegründeten Rockband Pankow. Der Name war Programm, ästhetisch wie politisch. Punk klang darin an, vor allem aber rief er jenen Ostberliner Stadtteil auf, der im Westen als Synonym der Herrscherclique galt. Das allein war provokant genug und wurde allseits so verstanden. Die Auftritte verliefen stets hart an der Grenze zum gerade noch oder nicht mehr Erlaubten, wer wusste das schon so genau? Songs mit heiklen Themen, die in Konzerten durchgingen – Umweltzerstörung, grassierende Langeweile, der Wunsch, wegzugehen, abzuhauen –, wurden vom staatlichen Plattenlabel misstrauisch beäugt, kamen verspätet oder gar nicht auf den Markt. Man agierte im Schatten des Verbots, und gerade das steigerte die Popularität der Band.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 40 vom 01.10.2015.

Herzbergs jüngster Roman Alle Nähe fern erzählt von dieser Dialektik des geistigen Grenzgängertums. Auch er besteht aus kurzen Stücken, neunzig an der Zahl, und überzeugt formal durch die enorm verdichtete Beschreibung; zwischen den Sätzen geht da schon mal ein Krieg zu Ende. Gleichfalls autobiografisch angelegt, startet die Ich-Erzählung erst auf Seite 120, als der Autor 1955 auf die Welt kommt. Bis dato sind bereits Jahrzehnte abgelaufen, in denen andere im Mittelpunkt stehen, die jüdischen Großeltern und Eltern des Autors samt der zugehörigen Mischpoke. Die DDR schleicht sich erst nach und nach in die Erinnerung. Anders als Richter, für den der Verfall des Landes die Prämisse seiner Wahrnehmung bildet, wächst Herzberg in diesen Verfall hinein, durchlebt, durchleidet ihn. Was dem einen lächerlich erscheint, leblos, hohl, bohrt sich dem anderen in Leib und Seele: lebenslänglich DDR, vermutlich, statt "Schnupperkurs" mit Abwahlmöglichkeit, lastender Bekenntnisdruck statt verbaler Ausflüchte, Wehrdienst in der NVA statt Wehrerziehung auf dem Schulhof. Der Rekrut tanzt aus der Reihe, wird wiederholt bestraft, herabgewürdigt, schluckt Schlaftabletten, taumelt durch die Gegend, schrammt als notorischer Simulant eben noch an Schwedt vorbei, dem Militärknast – und appelliert in seiner Not an seinen einflussreichen Vater, ihm herauszuhelfen. Der besänftigt seinen Sohn und spricht hernach mit dessen Vorgesetzten. "Bitte hart mit ihm verfahren", liest Jakob (so heißt der Autor im Roman) viele Jahre später in den Akten.

Hier meldet sich die Herkunft – der zweite Schlüssel zum Verständnis der divergierenden Perspektiven und Tonlagen beider Autoren. Richter wuchs im DDR-kritischen Einvernehmen mit seinen bildungsbürgerlichen Eltern auf, Herzberg als Kind überzeugter, linientreuer Kommunisten, an denen er sich heftig rieb und die den Juden tief in sich verstauten. Die Verleugnung der Familiengeschichte wurde zur Familientradition, die skurrile Blüten trieb: Des Sprösslings "Judennase" wurde vor dem Schlafengehen symbolisch abgerieben; bloß nicht auffallen und Fragen auf sich ziehen. Diese Maßregel befolgte Jakob auch später noch, als er sich seinen Eltern längst entfremdet hatte.

Dann fällt die Mauer – und mit dem äußeren Drama nimmt das innere seinen Lauf. Inmitten der allgemeinen Euphorie erfasst den noch immer umjubelten Bandleader das Gefühl einer schwindelerregenden Bodenlosigkeit. Das Land, an dem er sich bislang gerieben hatte, war urplötzlich verschwunden, der Grund des eigenen Daseins nachgiebig, morastig. Er reist, neuerlichen Halt zu finden, nach Israel – der Schwindel bleibt. Er unterzieht sich einer Beschneidung – und wechselt den Therapeuten. So geht das siebzehn lange Jahre. Schließlich lichtet sich die Finsternis. "Ich fahre nach Hause in mein neues Leben nach der Therapie. Ich werde die Geschichte aufschreiben, damit ich weiß, wer wir sind und wie wir waren, damit ich besser leben kann." Möge sein Buch ihm den gewünschten Dienst erweisen.