DIE ZEIT: Herr Koller, Ihr Oscar-prämierter Film "Die Reise der Hoffnung" wird nächstes Jahr 25 Jahre alt ...

Xavier Koller: ... dieses Jahr!

ZEIT: Es berührt, wie aktuell der Film heute noch ist. Diese Geschichte einer kurdischen Familie, die per Schiff, Laster und schließlich zu Fuß in die Schweiz flüchtet. Und deren kleiner Sohn Mehmet Ali im Schneesturm auf dem Splügenpass in den Armen seines Vaters stirbt.

Koller: Ja, der Film ist hochaktuell, das muss man leider sagen. 1990 sprach man von 10 bis 15 Millionen Menschen, die weltweit auf der Flucht sind. Heute sind es 60 Millionen. Die Schicksale sind immer noch dieselben. Ich habe den Film zwar selber schon lange nicht mehr gesehen. Aber ich weiß, warum ich ihn gemacht habe: Ich wollte bei den Menschen die Angst vor dem Fremden abbauen.

Samir: Damals gab es noch eine sogenannte zweite und eine dritte Welt. Inzwischen fließt alles ineinander. Die Globalisierung hat diese Entwicklung in den vergangenen 25 Jahren beschleunigt.

Koller: Heute kommen die Menschen viel einfacher an Informationen. Smartphones und Tablets sind selbst in Ländern erschwinglich, wo es keine Heizungen und WCs gibt. Wer fort ist, telefoniert nicht mehr nur einmal im halben Jahr nach Hause, sondern hat fast täglich Kontakt. Und er schreibt auch keine Postkarten mehr ...

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 40 vom 01.10.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

ZEIT: ... wie der Verwandte von Mehmet Ali in Reise der Hoffnung, der es bereits in die Schweiz geschafft hat und seiner Familie vom Paradies vorschwärmt, das er hier gefunden habe – obschon er in einem Asylheim sitzt.

Samir: Das Thema, Xavier, das du damals in deinem Film angesprochen hast, hat sich aber nochmals verschärft: die Angst vor den Fremden. Dass es heute im Aargau Gemeinden gibt, die sich für "flüchtlingsfrei" erklären und dem Kanton sogar Bußen bezahlen, damit sie ja keine Flüchtlinge bekommen, das wäre damals unvorstellbar gewesen.

Koller: Als Reise der Hoffnung in die Kinos kam, wurde in Bern über ein neues Asylrecht diskutiert. Und der Film hat überraschenderweise dazu beigetragen, dass die Bestimmungen etwas milder wurden.

Samir: Damals konnte sich die SVP noch nicht durchsetzen. Heute verfangen ihre Argumente viel einfacher. Auch, weil die Medien ihnen alles nachplappern. So diskutiert man bereits darüber, ob es das Asylrecht in der heutigen Form überhaupt noch geben soll.

ZEIT: Wieso hatte Reise der Hoffnung eine derartige Wirkung?

Koller: Was die Geschichte damals wie heute populär und allenfalls ergreifend macht, ist, dass ein Beispiel aus der Masse der Hunderttausenden herausgelöst wird. Genauso wie das Bild dieses Jungen am Strand bei Bodrum. Das ist ein Bild, das berührt. Mehmet Ali, der am Splügenpass starb, war unser Aylan. Aus einer Statistik werden plötzlich Menschen, die leiden.

Samir: Mir ist aufgefallen: Seit das Bild von Aylan um die Welt ging, sieht und liest man plötzlich mehr Bilder und Berichte, die nah an den Menschen sind. Vorher waren da meist nur die Bilder dieser überfüllten Schiffe.

Koller: Unglaublich, wie viele da draufpassen.

Samir: Es war die Darstellung der schieren Masse, die einen überschwemmt. Nun geht es um Menschen. Und das ändert dann auch den Diskurs. Er wird menschlicher.

Koller: Wichtig ist: Das Bild zeigt ein kleines Kind. Ich habe damals viele Interviews mit Überlebenden geführt, die über diesen Pass kamen. Jeder erzählte mir eine andere Geschichte, aber es war immer eine Geschichte der Zukunft. Sie sagten: Wir gehen nicht unseretwegen, wir gehen für unsere Kinder. Mehmet Ali oder Aylan hat man diese Zukunft geraubt. Meiner Meinung nach haben das die Regierungen erkannt – und wurden weich. Das Herz ging ihnen auf.