Vor einem Jahr bin ich aus Aleppo geflüchtet, kam über Nordafrika nach Deutschland, und seit ein paar Monaten lebe ich nun in Hamburg. Ich helfe in einer Moschee bei der Flüchtlingsbetreuung. Weil sie in Bahnhofsnähe liegt, kommen Abend für Abend Hunderte Flüchtlinge zum Übernachten. Meine eigene Familie, Eltern und Geschwister, sind leider noch in Aleppo. Es geht ihnen nicht gut, in vielen Vierteln steht kein Stein mehr auf dem anderen, Assad macht alles platt. Sie können nicht mehr raus. Immerhin: Sie leben noch.

Nach Deutschland wollte ich, weil hier den Muslimen große Freiheit gewährt wird. Hier kann ich meinen Glauben leben. Das Land kommt meinen Vorstellungen von einem idealen Staat recht nahe: Es geht gerecht zu. Gerechtigkeit ist das Wichtigste. Ich möchte gleiche Rechte für alle, egal, woran sie glauben.
Chalef, 28, ist Student und stammt aus der syrischen Stadt Aleppo

"Allah interessiert mich nicht besonders"

Was ist schlimmer: das syrische Regime von Präsident Assad oder die islamistischen Rebellen? Manche glauben, dass ich als Sunnit zu den Islamisten halte, aber ich finde beide Gefahren gleich schlimm. Meine Familie fürchtete sich sehr, als der IS nach Jarmuk vordrang, das ist ein verlassenes Flüchtlingslager nur zehn Kilometer Luftlinie von unserem Haus in Damaskus entfernt. Das Regime wehrte sich mit Fassbomben. Da wusste ich, ich muss eine neue Heimat für uns finden.

Also nahm ich einen Linienflug in die Türkei, und irgendwie schaffte ich es, in Mersin auf ein kleines Boot zu kommen, das nach Italien fuhr. Während der fünftägigen Überfahrt hatten wir alle Todesangst. Ob ich gebetet habe? Ach, nein! Allah interessiert mich nicht besonders.

Dass der religiöse Hass uns bis nach Deutschland verfolgt, glaube ich nicht. Normale Syrer sind froh, dem Krieg entkommen zu sein, sie werden hier auch nicht öfter in die Moschee gehen als zu Hause. Warum auch? Wir haben andere Sorgen! Ich lebe jetzt bald ein halbes Jahr in Ahrensburg, wo ich Asyl bekommen habe, und war erst zwei Mal in der Moschee. Alle meine Gedanken sind bei meiner Frau, die mit den vier Kindern noch in Damaskus lebt. Unser jüngster Sohn Zein, jetzt ein Jahr alt, hat seit der Geburt ein vier Millimeter großes Loch in der Herzscheidewand. Meine Frau schreibt Stromrechnungen im Auftrag des Regimes, aber seit zehn Tagen kann sie nicht mehr zur Arbeit: Bei den Straßenkontrollen werden jetzt Iraner eingesetzt. Die willkürlichen Durchsuchungen an Checkpoints waren schon immer lebensgefährlich, aber die Iraner vergrößern die Gefahr.

Erst in einem halben Jahr, Ende März 2016, hat meine Frau einen Termin in der deutschen Botschaft in Beirut – für die Familienzusammenführung. Eine endlose Zeit. Ich fürchte, dass der IS wieder nahe an Damaskus heranrückt.
Faissal, 38, ist Bauarbeiter aus Damaskus und ein sunnitischer Muslim

"Freiheit ist gut für den Islam"

Von unserer Flucht aus Syrien sind uns nur die Pässe geblieben – und der Koran. Darin lese ich täglich, nicht nur zum heiligen Fastenmonat Ramadan. Seit 15 Monaten bin ich in Deutschland, und ich frage mich: Hat sich mein Glaube verändert? So viel anderes ist neu, nicht mehr da. Aber mein Glaube ist der gleiche. Meine Gebete sind die gleichen, Gott gibt mir Halt, genau wie zu Hause in Syrien.

Ich bin mit meiner Frau und meinen drei Töchtern aus Sabadani geflohen, der ersten syrischen Stadt, in die 2012 die Rebellen der Freien Syrischen Armee einzogen. Danach hörten die Kämpfe nie mehr auf, immer wieder versuchten Regierungstruppen und libanesische Hisbollah, unsere Stadt zurückzuerobern. Trümmer, Trümmer, Trümmer. So sah unsere Zukunft aus. Also entschlossen wir uns im September 2013 zur Flucht.

Ich bin Kurde, ein sunnitischer Muslim, aber manchmal sehne ich mich nach der Zeit unter dem Alawiten Assad. Es war zwar ein übles Regime, aber wenigstens herrschte kein Zwist zwischen den Religionen. Der Islam ist das Wichtigste in meinem Leben: Er vermittelt Werte. Nur Gewalt lehne ich ab. Ich genieße den Frieden in Deutschland. Keiner schränkt mich ein – bis auf die Bürokratie. Was wir in Syrien in der Familie oder im Clan regeln, regelt hier der Staat, dagegen habe ich auch nichts, Hauptsache, es geht gerecht zu. Glaubenskonflikte kann ich mir hier nicht vorstellen.

Hauptsache, wir finden Arbeit. In Syrien haben alle gearbeitet, meine Frau, meine Brüder und Schwestern, ich selbst. Freiheit ist gut für den Islam! Meine Frau trägt Kopftuch, aber das ist ihre Sache. Von mir aus kann sie es auch lassen.
Facher Ali, 34 Jahre, ist Fliesenleger aus Sabadani, Syrien, und lebt in einem Aufnahmelager Berlin