In meinem Traum sehe ich das Wohnzimmer meines Onkels in Prizren. Über dem großen Tisch, mitten im Licht, hängt eine Flagge aus der Armee des Osmanischen Reichs. Der Ururopa, so heißt es, war Fahnenträger des Sultans. Mit der Fahne sei er vorangestürmt. Einmal im Jahr, Ende Mai, kommen die Leute aus dem Viertel, auch der Derwisch, um die Fahne zu feiern. Sie tanzen auf der Straße, die jungen Männer schlagen die Trommel, die Frauen klatschen und lassen die Hüften kreisen. Der Onkel stellt die Fahne vor die Tür, damit jeder sie berühren kann. Dann ist der Traum aus.

Ich bin in einem Land aufgewachsen, das es nicht mehr gibt. Ich war Jugoslawe. Wir waren Jugoslawen. Meine Familie, unsere Verwandten – nicht Serben, Kroaten oder Albaner, das waren wir auch; vor allem aber Jugoslawen. Manchmal denke ich, wir Roma waren die einzigen Jugoslawen Jugoslawiens.

Natürlich ging ich nach der Schule zur Armee, wie mein Vater, mein Opa und alle davor. Ich habe mich auf den Dienst gefreut. Gerade wir hätten Jugoslawien und Präsident Tito viel zu verdanken, sagte mein Vater. Nirgendwo sonst ginge es uns so gut. Im Sommer 1990 hatte ich die Schule abgeschlossen und wollte Tiermedizin studieren. Aber erst zur Armee. Alle waren aufgeregt, als es losging: Mein Vater blickte mich am Tag des Abschieds stolz an wie nie zuvor; meine Mutter musste weinen. Meine Schwester trat unruhig von einem Bein aufs andere. Die Verwandten trugen mich auf Händen durchs Viertel, bis zum Bus, der die jungen Männer in die Kaserne nach Mazedonien brachte.

In der Volksarmee sollten alle gleich sein, dies war das Versprechen: Egal, woher man kam, woran man glaubte. Wir trugen alle die Uniform mit dem roten Stern. Wir waren Jugoslawen. Wir kamen aus den Dörfern Bosniens, von Kroatiens Küste, aus den Bergen des Kosovos, von überall. Die Ausbildung war hart, abends saßen wir gemeinsam auf der Stube und schauten Popmusik im Westfernsehen. Wir hockten da, nach Sprachen sortiert: Serbisch, Kroatisch, Albanisch. Ich saß mal hier, mal dort, weil ich alle Sprachen konnte – und weil ich der einzige Rom in der Kaserne war. Ich hörte wohl mal einen Spruch: "Unser Zigeuner", sagten sie, "Bruder Rom, wo ist deine Geige?", aber es kam mit einem Lächeln.

Eines Nachts holten uns die serbischen Ausbilder aus den Betten, zerwühlten die Laken und ließen sie uns falten. Den Rekruten, die Albanisch sprachen, zerrissen sie den Stoff und schmissen ihre Spinde um. Sie machten böse Scherze. Die Albaner verstanden sie nicht. Ich wurde unsicher: Warum gingen Jugoslawen miteinander so um?

Ich war Funker und erfuhr die Nachrichten zuerst. Seit Monaten gab es Proteste von Albanern im Kosovo, schon unter meinem Fenster in Prizren hatte ich sie vor den Wasserwerfern der serbischen Polizei davonlaufen sehen. In Kroatien wollten die Leute mehr Unabhängigkeit von der Regierung. Ich nahm das nicht ernst. Ich sah meinen Vater am Küchentisch in Prizren und hörte ihn sagen, das werde sich geben. Wir seien alle Jugoslawen.

Im Sommer 1991 starb der erste jugoslawische Soldat in Kroatien. Wir wurden in Alarmbereitschaft versetzt. Sie schickten Rekruten an die Front. Alle hatten Angst. Es gab Soldaten, die verschwanden: Sie desertierten, flohen nach Kroatien und kämpften dort auf der anderen Seite, gegen uns, so verstand ich es. Das gab es jetzt: sie und wir, Jugoslawen gegen Kroaten. Einige flohen nach Griechenland. Jeder hoffte, dass er nicht in den Kampf geschickt werde. Der Krieg wurde immer bedrohlicher; er wütete im Land wie ein Feuer.