"Die DNA kommt und holt dich", skandierten nach den Präsidentenwahlen im vergangenen November Tausende auf dem Universitätsplatz von Bukarest. Gerichtet war die Drohung an die korrupte Oligarchenschicht, "Barone" genannt, die Rumänien beherrscht.

DNA ist das Kürzel für die Nationale Antikorruptionsdirektion, und in gewisser Weise hat diese Behörde auch mit Erbgut zu tun: dem Erbe einer über Jahrzehnte gewachsenen Seilschaft zwischen Staatsapparat, Geheimdiensten und Oligarchen. Die DNA genießt in der Bevölkerung mittlerweile eine große Zustimmung, ja fast schon Zuneigung. Dass die Rumänen 2014 den Konservativen Klaus Johannis, der sich an die Seite der Korruptionsbekämpfer gestellt hatte, zum Präsidenten wählten, war vor allem ein Plebiszit für den Rechtsstaat.

In westlichen Medien wird über Länder wie Rumänien allerdings nur wenig Positives berichtet. Südosteuropa gilt als Zone des Staatszerfalls, der Korruption und des Ultranationalismus, die durch die Flüchtlingskrise zusätzlich destabilisiert wird. Dabei gibt es in der Region Entwicklungen, die nicht nur westeuropäische Standards erreichen, sondern diese sogar übertreffen. Rumänien hat zum Beispiel EU-Länder wie Österreich, wo Verfahren wie das gegen den früheren Finanzminister Karl-Heinz Grasser nur zäh vorankommen, in der Korruptionsbekämpfung überholt. Bei uns, so spotten die Rumänen, könne man mit den verurteilten Politikern eine ganze Regierung bilden.

Im September wurde nun gegen Ministerpräsident Victor Ponta, bekannt als Strohmann der Barone in der Sozialdemokratischen Partei, Anklage erhoben. Das ist ein neuerlicher Wendepunkt in der Korruptionsbekämpfung, denn mit Ponta wird erstmals ein amtierender Regierungschef zur Rechenschaft gezogen.

Rumänien ist zu einem Beispiel geworden, wie eine von Überzeugungen geleitete Behörde innerhalb der Justiz – Drohungen und Einschüchterungen zum Trotz – mafiös-oligarchische Strukturen aufbrechen kann. Strukturen, die in Osteuropa von der Ukraine bis nach Serbien zu finden sind.

Die DNA wurde 2002 gegründet, denn die Bekämpfung der Korruption war Voraussetzung für die Annäherung Rumäniens an die Europäische Union. Nach dem Beitritt im Jahr 2007 machten die Oligarchen, die Verbindungen in alle größeren rumänischen Parteien haben, ihren Einfluss geltend – die ebenso ambitionierte wie energische Justizministerin Monica Macovei wurde politisch an den Rand gedrängt. Das Kalkül der Barone: Nun, da Rumänien als Vollmitglied in die EU aufgenommen war, werde Brüssel keinen Druck mehr ausüben können. Ganz unrecht hatten sie nicht.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 40 vom 01.10.2015.

Zwischenzeitlich sah es sogar so aus, dass die Bemühungen um Rechtsstaatlichkeit in Rumänien vergeblich gewesen sind: 2012 erlangten die Sozialdemokraten – unter verfassungsmäßig zweifelhaften Umständen – die Macht. Sie versuchten den bisherigen Präsidenten Traian Băsescu, der die DNA stets unterstützt hatte, aus dem Amt zu drängen. Doch die Amtsenthebung scheiterte in einem Referendum.

Das eigentlich verheerende war die Reaktion führender Vertreter der europäischen Sozialdemokratie, die sich aus Parteisolidarität hinter die rumänischen Genossen und Victor Ponta stellten. So hielt beispielsweise der damalige Fraktionsvorsitzende der Progressiven Allianz der Sozialdemokraten im Europäischen Parlament Ponta unbeirrt die Treue. Hätten die USA die DNA nicht unterstützt – die Behörde und die sie unterstützenden zivilgesellschaftlichen Kräfte wären den Oligarchen unterlegen gewesen. Beinahe also wäre der rumänische Kampf um Rechtsstaatlichkeit an Ignoranz und Parteidenken der europäischen Eliten gescheitert.

Mehr als drei Millionen Rumänen haben nach 1989 ihr Land wegen seiner korrupten Strukturen verlassen. Als EU-Bürger haben sie in Spanien oder Deutschland Standards kennengelernt, auf die sie nicht mehr verzichten wollen. So ist eine Diaspora entstanden, die mittels moderner Kommunikationskanäle wie Facebook eine transterritoriale Öffentlichkeit geschaffen hat, die dann 2014 die Wahlen in Rumänien entschied. Und das, obwohl die Oligarchen nach wie vor die Medien, insbesondere die Fernsehsender, kontrollierten und Ponta alles tat, um die Teilnahme der Auslandsrumänen an der Wahl zu verhindern. Diese kleine zivilgesellschaftliche Revolution ist in der europäischen Öffentlichkeit allerdings ebenso wenig beachtet worden wie die Erfolge der DNA.

Diese wird seit zwei Jahren von der mittlerweile 42-jährigen Laura Codruţa Kövesi geleitet. Sie ist das Gesicht einer Behörde geworden, die als bestens abgestimmte Equipe agiert. Ihre Anklagedossiers sind so fundiert, dass sich in Rumäniens Politik eine Rücktrittskultur der Beschuldigten etabliert hat. Die Bilder von in Handschellen abgeführten Politikern häufen sich. Und im Laufe der Zeit hat die DNA nicht nur das Vertrauen der Bürger gewonnen, sondern auch ihre Unterstützung.

Die Entwicklung in Rumänien zeigt, wie Europa schwächere Gesellschaften stärken könnte: durch Unterstützung eines nachhaltigen Institutionenaufbaus, vor allem aber durch Schutz und Anerkennung jener Frauen und Männer, die die Werte Europas in ihrer Heimat Tag für Tag verteidigen. Es ist höchste Zeit, dass ihre Arbeit auf europäischer Ebene die gebührende Beachtung findet. Im besten Fall macht sich Europa die Erfahrung dieser neuen Funktionselite zunutze: Rumänische Staatsanwälte werden von Albanien bis Bulgarien dringend benötigt.

Professor Oliver Schmitt lehrt osteuropäische Geschichte in Wien