Den Schaefflers kam nun ein Umstand zugute, der mit dem Bonmot beschrieben wird: Wenn Sie eine Million Schulden haben, haben Sie ein Problem. Wenn Sie eine Milliarde Schulden haben, hat die Bank ein Problem. Die Schaefflers hatten zwölf Milliarden Euro Schulden.

Bei einer Pleite des Unternehmens hätten die Banken Milliarden abschreiben müssen. Das durfte in der angespannten Lage nicht passieren, das konnten sich auch die Banken nicht leisten. Es blieb ihnen nur übrig, Schaeffler die Zinsen zu stunden. An Tilgung war nicht zu denken.

Einer der Banker zog im Sommer 2009 in den Schaeffler-Vorstand ein. Klaus Rosenfeld war Vorstand bei der Dresdner Bank gewesen, hatte aber nach der Übernahme der Dresdner durch die Commerzbank keinen adäquaten Job mehr. Für Schaeffler war der Finanzprofi der richtige Mann. Nun hatten sie einen in ihren Reihen, der wusste, wie Banker ticken und wie man mit ihnen als großer Kreditkunde umgehen musste. Rosenfeld verhandelte hart und setzte bessere Konditionen für Schaeffler durch. Er führte die Kredite zurück, und er holte sich das fehlende Geld über die Ausgabe von Anleihen. Auf diese Weise reduzierte er die Zinslast um mehr als die Hälfte.

Auch Conti profitierte vom allgemeinen Rückgang der Zinsen, den die Europäische Zentralbank herbeigeführt hatte. Auch dieses Unternehmen war mit elf Milliarden Euro hoch verschuldet, seit es 2007 den Automobilzulieferer VDO von Siemens gekaufte hatte. Conti und Schaeffler profitierten überdies von der Abwrackprämie, von der Subventionierung der Kurzarbeit und von den Konjunkturprogrammen der Bundesregierung. Seit März 2009 stieg der Conti-Aktienkurs wieder an, die Beteiligung gewann an Wert.

Die Schaefflers sorgten bei Conti für Chaos. Sie entließen den kurz zuvor ernannten Vorstandschef Karl-Thomas Neumann und ersetzen ihn durch Elmar Degenhart. Sie inthronisierten ihren Anwalt Rolf Koerfer als Aufsichtsratschef und versuchten trotz ihrer eigenen Probleme, in Hannover durchzuregieren. Den Fusionsplan mochten sie immer noch nicht aufgeben. Aber den Banken passte dieser Konfliktkurs nicht, vor allem Commerzbank-Chef Martin Blessing drängte zur Mäßigung. Ein Brückenbauer für Conti wurde gesucht. Einer, den alle Seiten akzeptieren konnten und der die Lage befrieden würde. Einer, der von außen kam, sich aber auskannte. Es gab tatsächlich so einen, und er war bereit, den Aufsichtsratsvorsitz bei Conti zu übernehmen: Wolfgang Reitzle, erfolgreicher Vorstandschef von Linde und langjähriger Entwicklungschef von BMW.

Nicht nur diese Wahl sollte sich als Glücksgriff erweisen – für Conti und für die Schaefflers. Auch der anfangs beargwöhnte Degenhart war der richtige Mann, um Conti auf Erfolgskurs zu bringen. Die Gewinne zogen an, der Aktienkurs stieg.

Schaeffler befreite sich schrittweise aus dem finanziellen Würgegriff. Im März 2011 verkaufte Schaeffler einen Teil der bei den Banken geparkten Conti-Aktien für 1,8 Milliarden Euro und tilgte mit dem Erlös Schulden. Im September 2012 reduzierten Unternehmen und Familie ihre Verbindlichkeiten auf gleiche Weise um weitere 1,6 Milliarden Euro. Mit jedem weiteren Schritt senkte Finanzchef Rosenfeld die Finanzierungkosten. Zum Dank machten die Schaefflers den Banker 2014 zum Vorstandsvorsitzenden. Den Vertrag Geißingers hatten sie nicht verlängern mögen.

Conti entwickelte sich glänzend, und der Aktienkurs stieg und stieg. Im Frühjahr 2015 erreichte er bei 234 Euro einen Höchstkurs, gekauft hatten die Schaefflers zu weniger als einem Drittel davon. Aber dieser Kursgewinn war nicht das Verdienst der Schaefflers und auch nur teilweise das Verdienst der Conti-Manager und -Belegschaft. Es ist auch darauf zurückzuführen, dass EZB-Präsident Mario Draghi die Schleusen öffnete und Europa mit Geld flutete. Ein Großteil dieser Liquidität floss in den Aktienmarkt und hob dort die Kurse an.

Ihren Fusionsplan haben die Schaefflers mittlerweile aufgegeben. Die beiden Automobilzulieferer kooperieren erfolgreich, aber dazu müssten sie nicht denselben Großaktionär haben.

Bevor sie mit dem Conti-Coup 2008 Schlagzeilen machten, hatten die Schaefflers keinen Einblick in ihr Unternehmen und seine Profitabilität gegeben. Ihr Vermögen wurde damals auf rund fünf Milliarden Euro geschätzt. Wie man aus später veröffentlichten Gewinnzahlen ablesen kann, lag es tatsächlich wohl damals schon eher bei zehn Milliarden Euro.

Der Einstieg bei Conti hat die Familie in sieben Jahren um gut und gern 16 Milliarden Euro reicher gemacht. Die Schaefflers haben alles riskiert und dank glücklicher Umstände alles gewonnen.

Niemand in Deutschland hat von der großen Krise so sehr profitiert wie diese Familie.