Auch auf der Stuhlkante kann Gemütlichkeit herrschen. Es ist gewissermaßen die einzige, auf die sich Jonas Lüscher einlässt. Den Autor treffen heißt, sich auf dem Rand eines Sessels verabreden – und auf der Kante von Ort und Zeit: in einem Bahnhof, nach Ankunft seines Zuges aus München und vor Abreise eines nächsten nach Bern. Lüscher ist ein Schriftsteller zwischen den Ländern, sein Debüt war eine der großen Entdeckungen im deutschsprachigen Literaturjahr 2013. Die Novelle Frühling der Barbaren war sowohl für den Schweizer als auch für den Deutschen Buchpreis nominiert. Lukas Bärfuss, ein Lüscher-Leser, schätzt an ihm sein Sprachvermögen und seine Fähigkeit zu halsbrecherisch artistischen Sätzen.

Für Jonas Lüscher war Heimat bis vor Kurzem nichts, was ihn besonders umgetrieben hätte. In Bern ist er aufgewachsen, hier wohnen seine Eltern; München ist Heimat, seit 15 Jahren, weil seine Frau, die Theaterregisseurin und Schauspielerin Ulrike Arnold von dort stammt und er mit ihr dort lebt. Sie brachte vergangenen Dezember am Staatstheater Wiesbaden eine Adaptation von Frühling der Barbaren zur Uraufführung und erntete damit großen Erfolg. Die Frankfurter Rundschau schrieb gar von einem "Triumph des Geschichtenerzählens", Lüscher gebe dem Theater, "was es dringend braucht: eine zeitgenössische Geschichte, die ein Hammer ist". Dem Erfolgsautor dieser "Hammergeschichte" bedeutet die Schweiz gleich viel wie Deutschland. Oder gleich wenig. Allerdings, eine Heimaterfahrung ist neu und bewegt auch ihn sehr: Bayern, Deutschland ist dieser Tage Fluchtburg Abertausender Menschen aus Syrien, Eritrea, Afghanistan, dem Irak oder Somalia. Hier die Macht, dort die Machtlosigkeit. Angesichts der aktuellen politischen Lage hat auch Lüscher die Ohnmacht erfasst.

Das Ausnahmetalent stemmt die große Gesellschaftserzählung

Er sah sich aufgerufen zu helfen, er half, "weil es anders nicht ging", reagierte auf Aufrufe im Internet, gelebte Bürgerhilfe. In einer einzigen Nacht versorgten Private wie er über 2500 Menschen. Lüscher war auch zur Stelle, als erst kürzlich in München einige Hundert unbegleitete Jugendliche im Alter von 14 bis 18 Jahren strandeten. Hoch traumatisiert, schlecht vorbereitet und ohne Chance. Er half, doch "ohne erlösendes Gefühl im konkreten Moment" und in der Befürchtung, dass er lediglich eine Ahnung des ganzen Elends zu Gesicht bekomme und seine Hilfe womöglich ihm selbst am meisten geholfen habe.

Es sind skeptische Anwürfe wie diese, die im Pragmatiker den Philosophen enthüllen. Denn Jonas Lüscher als Praktiker zu wissen, das ist die Einsicht, dass ein Kopf auch Hände hat. Der 39-jährige Autor gilt im Volksmund des literarischen Geschäfts als Intellektueller, der ein komplexes aktuelles Zeitthema wie die Finanzkrise kühn, komisch, knapp zwischen Buchdeckeln fasst. Lüscher gilt als ambitioniertes Ausnahmetalent, das die große Gesellschaftserzählung stemmen will mithilfe des Instrumentariums der Philosophie. Oder mit der Parodie von Philosophie.

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 40 vom 01.10.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Vergisst man nämlich ein kurzes Kapitel in Lüschers Biografie – jenes, das ihn als Drehbuchentwickler ins deutsche Filmgeschäft führte und dort mit der Alltagsfrustration ließ, dass wirklich gute Drehbücher nicht an den Mann zu bringen sind –, kann man sagen: Lüschers beruflicher Haupt- und Nebenschauplatz war während zehn exzessiven Jahren die Philosophie. Zunächst an der Hochschule für Philosophie München, die er mit einem summa cum laude abschloss. Dann schrieb er sich an der ETH Zürich ein, arbeitete bei Michael Hampe an seiner Dissertation, später ging er mit einem Stipendium des Schweizerischen Nationalfonds nach Stanford.

Ein Mann mit akademischem Furor und dem Willen zur wissenschaftlichen Karriere, so schätzt man ihn aus der Ferne ein. Das Bild des weltabgewandten Orchideengärtners bestätigen seine Forschungsschwerpunkte: Lüscher war der Mann, der am liebsten über diachronische Strukturemergenz und Makrokausalität nachdachte. Und gern entlang des Vordenkers Richard Rorty, des amerikanischen Komparatisten und Philosophen.