Schwankender Westen: Wer unter diesem Titel Erörterungen über den Niedergang der amerikanischen Hegemonie erwartet, über transatlantische Spannungen zwischen Europa und den USA, über das Erstarken nicht westlicher Machtzentren, allen voran der Volksrepublik China, wird enttäuscht. Von alledem ist in Udo Di Fabios Buch allenfalls am Rande die Rede. Im Mittelpunkt steht vielmehr die Frage nach den Gefährdungen und den Zukunftschancen des westlichen Gesellschaftsmodells, wobei sich der Verfasser auf Europa konzentriert. Die Vereinigten Staaten kommen nur gelegentlich, andere angelsächsisch geprägte, marktwirtschaftlich verfasste westliche Demokratien wie Kanada, Australien und Neuseeland faktisch gar nicht vor.

Der "Westen" ist für den ehemaligen Bundesverfassungsrichter und jetzigen Professor des öffentlichen Rechts an der Universität Bonn kein geografischer Begriff, auch kein "Platzhalter für den kulturpathetischen Begriff des Abendlandes". Der Westen steht vielmehr für ein "Menschenbild, ein spezifisches Muster der Welterklärung, eine bestimmte Organisation von Gesellschaft und eine standardisierte soziale Sinngebung" oder, kürzer gesagt, für die Ideen der Freiheit und Würde des Menschen.

Diesen Westen sieht der Verfasser in einer "multiplen Dauerkrise". Der tiefere Grund der Krise liegt für ihn darin, dass die moderne westliche Gesellschaft heute über kein konsistentes Bild von sich selbst mehr verfügt. "Sie kennt weder hinreichend ihre normative Identität, noch versteht sie angemessen die langfristigen faktischen Voraussetzungen derselben."

Zu diesen Voraussetzungen rechnet der Autor, angelehnt an die Soziologie Niklas Luhmanns, an erster Stelle die Ausdifferenzierung von Funktionszusammenhängen und namentlich denen zwischen den Bereichen von Politik und Wirtschaft. Fast alle Probleme des Westens und die Krise der europäischen Integration haben für Di Fabio ihre eigentliche Ursache im "Fehlverständnis politischen Handelns im Bezug auf Wirtschaft und Gesellschaft".

Als aktuelles Beispiel dient ihm Griechenland. Wenn die linkspopulistische Regierung in Athen von "Würde des Volkes" spreche und sich über finanzwirtschaftliche und makroökonomische Bedingungen einfach hinwegsetzen solle, dann sei das der bereits andernorts, etwa in Venezuela, gescheiterte Versuch, "das Primat der Politik gegen die Funktionslogik der Wirtschaft durchzusetzen. Das Primat der Politik, ja es besteht, aber eben nur, wenn es die Funktionsbedingungen der modernen Gesellschaften beachtet."

Di Fabio ist kein Lobredner des Neoliberalismus. Er kritisiert scharf die Entfesselung der Finanzmärkte à la Thatcher und das Steuerdumping innerhalb der EU, weil beides zur Destabilisierung des an sich hoch leistungsfähigen westlichen Wirtschaftssystems beigetragen habe. Man tut dem Autor gewiss nicht Unrecht, wenn man ihn als "Liberalkonservativen" bezeichnet. Klassisch liberal ist seine überzeugend begründete Warnung vor unzulässigen Grenzüberschreitungen zwischen den Funktionssystemen von Politik und Wirtschaft, weil sie auf Entdifferenzierung und damit auf eine Minderung der spezifischen Leistungsfähigkeit beider Systeme hinauslaufen. Konservativ sind seine kulturpessimistisch anmutende Kritik an der "ideellen Trägheit und dem ziellosen Hedonismus" der westlichen Gesellschaften und sein Plädoyer, "intakten Familien als emotionale Räume der Geborgenheit und der Gemeinschaftsbildung" einen ebenso "grundlegenden Wert" zuzuerkennen wie der Kontrolle über das eigene Leben und persönliche Daten. Die Frage, ob nicht auch andere feste Lebensgemeinschaften ein Gefühl der Geborgenheit vermitteln können, bleibt ausgespart.

Besondere Aufmerksamkeit dürften die Passagen finden, in denen Di Fabio Probleme der Integration von "Einwanderern aus anderen Kulturkreisen" erörtert. Diese ließen sich nicht mehr mit derselben Selbstverständlichkeit integrieren, wie dies vor zwei Generationen noch der Fall gewesen sei. Wenn der Verfasser in diesem Zusammenhang vor der Gefahr des "Kontrollverlustes über die Bevölkerungszusammensetzung" warnt, klingt das auf irritierende Weise bürokratisch.

Aber er spricht damit eine Frage an, auf die alle westlichen Gesellschaften eine Antwort finden müssen. Die Bedingung der Möglichkeit des friedlichen Zusammenlebens von Menschen aus höchst unterschiedlichen Kulturen in einem Staat ist die Anerkennung einer gemeinsamen politischen Kultur, nämlich jener des Westens. Diese beruht auf der unbedingten Achtung der Menschenrechte, darunter der Religionsfreiheit und der Gleichberechtigung von Mann und Frau. Ohne die Einübung und Verinnerlichung dieser Werte von früher Kindheit an kann Integration nicht gelingen. Die Zukunft der westlichen Demokratien hängt davon ab, ob sie diese Herausforderung erkennen – und meistern.

Die Frage, welche historischen Entwicklungen den Westen zu dem gemacht haben, was er heute ist, beantwortet Di Fabio mit großer Entschiedenheit: Es sei das normative Programm, das der Westen seit einem halben Jahrtausend zu verwirklichen versuche. Er wendet sich damit gegen die weit verbreitete Meinung, dass die moderne Gesellschaft erst durch die Französische Revolution entstanden sei. Auch die Aufklärung des 18. Jahrhunderts ist aus seiner Sicht nur ein "Epiphänomen" jenes umfassenden Emanzipationsprozesses, der mit dem Renaissance-Humanismus begonnen habe.