Es schmeichelt der jungen Bundesrepublik gewiss nicht, dass ausgerechnet ein Emigrant, der nach dem Zweiten Weltkrieg nach Deutschland zurückgekehrt war, nämlich der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, die Aufarbeitung der NS-Verbrechen gegen massive Widerstände vorantreiben musste. Weder der Auschwitz-Prozess in Frankfurt, weder die Rehabilitierung der Widerstandskämpfer vom 20. Juli, weder die Ermittlungen gegen die Schreibtischtäter der Euthanasie noch die Ergreifung Adolf Eichmanns wären ohne ihn denkbar gewesen, weshalb er sich sogar den Vorwurf persönlicher Rache einhandelte. Der 1903 in Stuttgart geborene Bauer – man darf es so zuspitzen – war wohl der wichtigste Jurist der deutschen Nachkriegszeit.

Eine Ausnahmekarriere: Bereits in der Weimarer Republik war er Amtsrichter gewesen, der jüngste des Landes. 1933 musste er seine Stelle aufgrund seiner jüdischen Herkunft aufgeben. Nach acht Monaten im KZ Heuberg emigrierte Bauer über Dänemark nach Schweden, wo er gemeinsam mit Willy Brandt die Zeitschrift Sozialistische Tribüne gründete. Erst 1949 konnte Bauer seine juristische Laufbahn in Deutschland fortsetzen. Er tat dies mit Unterstützung des hessischen Ministerpräsidenten Georg-August Zinn, der wie Bauer bereits in den Zwanzigern in der SPD engagiert gewesen war. Die meisten Juristen um Bauer herum hatten im NS-Staat gedient, und es gibt zwei Zitate von ihm, die erahnen lassen, wie sehr er sich als Einzelkämpfer empfunden haben muss: "In der Justiz", sagte er einmal, "lebe ich wie im Exil." Ein andermal: "Wenn ich mein Dienstzimmer verlasse, betrete ich feindliches Ausland."

Dass Fritz Bauer erst in jüngerer Zeit durch mehrere Filme und Biografien einer größeren Öffentlichkeit bekannt wurde, mag auch an der Studentenrevolte liegen, die das Beschweigen der NS-Verbrechen massenwirksam thematisierte, damit aber auch vorherige Versuche, sich der Vergangenheit zu stellen, überblendete: Wenn es schon 1945 keine Stunde null gegeben hat, dann bot sich rückblickend wenigstens 1968 an. 1968 aber starb Fritz Bauer in Frankfurt. Er wurde tot in seiner Badewanne gefunden. Die Gerichtsmedizin stellte eine schwere Bronchitis fest (Bauer war Kettenraucher) und die Einnahme eines Schlafmittels.

Fritz Bauer, eindrucksvoll gespielt von Burghart Klaußner, liegt auch am Anfang von Lars Kraumes Film Der Staat gegen Fritz Bauer bewusstlos in der Wanne, allerdings wird er gerettet und erscheint kurz darauf sehr mürrisch vor seinen Staatsanwälten, denen er zutiefst misstraut, denn Akten verschwinden aus seinem Dienstzimmer, und er befürchtet die Behinderung seiner Ermittlungen. Bauer, wir befinden uns im Jahr 1957, erhält kurz darauf aus Buenos Aires einen Brief des mit ihm befreundeten Holocaust-Überlebenden Lothar Hermann: Adolf Eichmann lebe unter einem Decknamen in Argentinien. Bauer, der wohl zu Recht befürchtete, dass die deutschen Behörden an einer Festnahme Eichmanns wenig interessiert waren, ja diesen warnen könnten, offenbarte sich der israelischen Regierung und dem Mossad – ein abenteuerlicher Vorgang, der erst in den siebziger Jahren bekannt wurde und den Lars Kraume ins Zentrum der Handlung rückt. Fritz Bauer beging damit insofern Landesverrat, als er mit einem ausländischen Dienst kooperierte statt mit deutschen Behörden. Sein Misstrauen war begründet: Aus mittlerweile freigegebenen BND-Akten weiß man, dass der Aufenthaltsort Eichmanns deutschen Diensten bereits seit Jahren bekannt gewesen war.