Stefan Zweig kannte seine künftige Gattin, Friderike von Winternitz, erst wenige Monate, als er mit ihr am 4. Dezember 1912 ihren 30. Geburtstag feierte. "Heiß und freudig" sei die Nacht verlaufen, notiert er im Tagebuch, auch dass "die Karten der Pervers. immer offener ausgebreitet werden". Von welcher Perversion ist da die Rede? Friderike hatte so ihre Ahnungen. Einige Wochen später schreibt sie ihm von "Tiefen, wie die Natur sie gibt", von seinem "Hinunterstürmen in ein Dunkles". "Verletzen" könne er sie mit all dem indes nicht, weil sie "alles als notwendig empfände", was von ihm komme. "So auch Deine Abgründe, um deretwillen ich mein Gefühl wachsen fühlte, wenn sie Dir innere Zwietracht oder (wie entsetzlich ist das zu fühlen:) Gefahr bringen." Welche Abgründe hätten Zweig in Gefahr bringen können?

Seit Jahrzehnten kursiert ein Gerücht über Stefan Zweig: Er sei ein Exhibitionist gewesen. Kein Geringerer als Thomas Mann hat es 1954 in der geschützten Zone eines privaten Briefes an Paul Orlowski verbreitet: "Der weltberühmteste deutsche Schriftsteller der jüngst vergangenen Zeit, Stefan Zweig, soll Exhibitionist gewesen sein. Mir hat er es nicht gestanden, aber in der Intimität weiß man es, und er soll auch schwere Unannehmlichkeiten davon gehabt haben. Höchst sonderbar! Ich gestehe, dass gerade vor dieser Passion mein Verständnis halt macht, während es sonst ziemlich weit reicht."

Vier Jahre später fand das Gerücht in den Memorie di un Veneziano des Zweigschen Jugendfreundes Benno Geigers seinen Weg in die Italienisch verstehende Öffentlichkeit. Zweig habe "an der Sucht des Exhibitionismus" gelitten, schrieb Geiger, "diese Lappalie bezeichnete er mit dem von ihm erfundenen Begriff: ›Schauprangertum‹". Er habe sich sogar, um gegen die Polizei gesichert zu sein, von Sigmund Freud persönlich ein Attest ausstellen lassen, dass er wegen dieser Sucht bei ihm in Behandlung sei.

Gestützt auf Geiger, diskutierten in der Folge die Zweig-Biografen Donald A. Prater und Oliver Matuschek das Exhibitionismus-Gerücht – ohne ihm freilich Glauben zu schenken. Geigers Memoiren würden in zu vielem von Fantasterei, Hass und Missgunst strotzen, als dass er als glaubwürdiger Zeuge hätte gelten können, allein die abstruse Geschichte mit Freuds Attest schien ihn zu disqualifizieren. Und schließlich war in Zweigs geschlechtlich so geständnisfreudigem Werk von allen möglichen Spielarten des Sex die Rede, nicht aber vom Exhibitionismus. Die Zeilen "Und jeder Blick, der blinkernd kam, / Der zwinkerte auf meine Scham" aus der Ballade von einem Traum kannten Prater und Matuschek zwar, mochten in ihnen, anders als Geiger, aber kein "eindeutiges Bekenntnis" sehen. So genau wollte es anscheinend niemand wissen, der Exhibitionismus ist auch in den aktuellen, gendermäßig so entdeckungsfreudigen Verhältnissen eine der letzten tabuumlagerten Peinlichkeiten geblieben.

Ulrich Weinzierl, zuletzt Wien-Korrespondent des Welt-Feuilletons, wollte es wissen. Er reiste nach Venedig und sah sich dort, was vor ihm offensichtlich noch niemand getan hatte, in der Fondazione G. Cini den Nachlass des mutmaßlichen Lügners Geiger an. Er konsultierte in der Handschriftensammlung der Wienbibliothek die Briefe Geigers an Zweigs engen Freund Felix Braun. Und er kam zum reich belegten Schluss, dass Geiger zwar ein unaufrichtiger und hundsföttischer Charakter gewesen ist, dass aber seine Behauptung von Zweigs Exhibitionismus keine Lüge war. Sie findet sich außer in seinen Memoiren auch in einem von Weinzierl entdeckten Brief Geigers an Braun. Sie wird vom grundanständigen Braun in einem wiederum von Weinzierl entdeckten Brief an Geiger bestätigt. Es findet sich der Exhibitionismus als "Schaugepränge", von Zweig persönlich hingeschrieben in einem wiederum von Weinzierl entdeckten Brief Zweigs an Geiger. Und schließlich zieht sich eine lange Spur des Exhibitionismus seit 1984 für alle lesbar und von niemandem gelesen durch Zweigs gedruckte Tagebücher. Niemand hat sie gelesen, weil auch hier erst Weinzierl kommen musste, um dem unscheinbaren Sätzchen gleich auf der zweiten Seite, "Dann spazieren, Liechtenstein, schaup.", auf die semantischen Sprünge zu helfen. Dass es um "schauprangern" im Liechtensteinpark geht, sagt der Fortgang: "Das Objekt zu jung noch ohne tieferes Interesse, mehr frappiert als schon an richtiger psychologischer Stelle erfasst. Dies eigentlich weniger aufreizend, aber mehr gefährlich und wäre zu meiden wie Liechtenst. überhaupt." Doch gemieden hat Zweig gar nichts. Wieder und wieder notiert er, wie konnte man es nur überlesen, im Zusammenhang mit Aventüren in diversen Parks "Gefahr!". "Ein einziges jener sexuellen Abenteuer" , gestand er, sei ihm mehr als die Uraufführung seines Hauses am Meer im Hofburgtheater, und die Abenteuer "sind doch nur wertvoll durch ihre Gefahr".

Weinzierl zeigt mit einem fein gesponnenen Netz von Belegen, dass die dunklen Abgründe, über die Zweig im Jahr 1913 mit seiner künftigen Braut korrespondierte, nichts anderes waren als seine zwanghafte exhibitionistische Gefahrsucherei. Aber welchen Platz nimmt der Exhibitionismus in Zweigs Seelenleben ein? Und welche Bedeutung hat dieses sexuelle Seelenleben für sein Werk?

Hier lässt uns Weinzierl etwas ratlos zurück. Er zitiert zwar als seine Maxime Nietzsches feinen Satz: "Grad und Art der Geschlechtlichkeit eines Menschen reichen bis in die letzten Gipfel seines Geistes hinauf." Aber er folgt der Maxime nur zur Hälfte. Über Grad und Art von Zweigs Geschlechtlichkeit erfahren wir in den ersten zwei, der Ehe und der Homosexualität gewidmeten Kapiteln alles Erdenkliche. Kürzere und längere, heftige, milde und platonische Episoden paradieren in bunter Revue. Weit war das homosexuelle Milieu, in dem sich der höchstens sehr kurzzeitige Teilzeit-Schwule Zweig bewegte, um es in Veröffentlichungen dann doch wieder auf verlogenem Abstand zu halten. Erdichtete Kleinmädchenliebe und Knabenadoration dürfen nicht fehlen. All das gibt Weinzierl in einem gelehrten und glänzend geschriebenen Figurenreigen, tolle Auftritte von Klaus Mann, penible des Kindesmissbrauchers Adolf Loos und des Exhibitionisten Peter Altenberg. Leider ist im Nahkampf der Zitate öfter etwas unklar, wohin die Reise eigentlich geht. Auch trauert man Weinzierls großartiger Schnitzler-Monografie nach. Die Verquickung von Intimbiografie und Werk, die dort so überzeugend gelang, bleibt hier auf der Strecke. Darüber, wie auch Zweig "ein Dichter seines Lebens" gewesen ist, dem es in seinem Erzählen um "Einheit und nicht Reinheit der Menschen" ging, hätten wir gern noch weitere hundert Seiten von Weinzierl gelesen.