"Wir sind so frei" – Seite 1

Frage: Herr Hintze, Sie sind Pfarrer. Glauben Sie, Gott hat Ihnen das Leben geschenkt?

Peter Hintze: Ja, das glaube ich.

Frage: Dann glauben Sie sicher auch, dass Gott Ihnen das Leben wieder nehmen wird?

Hintze: Nein, das glaube ich nicht.

Frage: Warum nicht?

Hintze: Weil ich nicht an einen Gott glauben kann, der seine Geschöpfe wie ein Puppenspieler an unsichtbaren Fäden zieht und zum Zeitpunkt unserer Geburt schon entschieden hat, wie und wann wir zu sterben haben. Ein solcher Gott wäre grausam und unbarmherzig. Den einen würde er friedlich entschlafen lassen, während er den anderen zu Tode quält. Ein Gott der Reichen, der Weißen und der Nordeuropäer wäre das. Denn die leben länger, gesünder und besser als der Rest der Welt.

Frage: An was für einen Gott glauben Sie?

Hintze: An den barmherzigen Gott. Er entlässt seine Geschöpfe in die Freiheit. Das ist das Geschenk, das er uns macht.

Frage: Ziemlich unbarmherzig, uns in die Welt zu setzen und allein zu lassen.

Hintze: Im Gegenteil. Gott ist für uns da und spendet Trost und Halt.

Frage: Auch wenn wir sterben?

Hintze: Ganz besonders, wenn wir sterben.

Frage: Glauben Sie, Gott findet es richtig, wenn wir uns das Leben nehmen wollen, weil wir das Leben, das er uns geschenkt hat, nicht mehr ertragen vor Schmerz und Krankheit?

Hintze: Ja, das glaube ich.

Frage: Warum?

Hintze: Weil er als mitfühlender Gott dieses Leid nicht will. In früheren Zeiten konnte man den Menschen in qualvollen Todessituationen medizinisch nicht helfen. Darauf hat die Theologie mit einer Idealisierung des menschlichen Leidens reagiert und es mit dem Kreuzestod Jesu verbunden. Aber wir sind nicht Jesus. Gott hat uns geschaffen, damit wir unser Schicksal selbst bestimmen.

Frage: Was verstehen Sie unter Selbstbestimmung?

Hintze: Der Mensch ist ein unverwechselbares Wesen. Zu seiner Unverwechselbarkeit gehört, dass er Herr seiner selbst ist und Verantwortung für Entscheidungen übernehmen kann, die nur ihn allein betreffen.

Frage: Aber wie kann ihn etwas alleine betreffen, wenn Gott ihn geschaffen hat und immer bei ihm ist?

Hintze: Weil Gott uns als freie und mit der Gabe zur Reflexion ausgestattete Wesen erschaffen hat, die fähig sind, Stellung zu sich und ihrer Umwelt zu nehmen.

Frage: Das heißt aber nicht, dass er alles gutheißt, was wir machen.

Hintze: Nein, menschliche Freiheit birgt die Möglichkeit des Fehlens. Gott hindert uns auch nicht daran, Dinge zu tun, die er missbilligt.

Frage: Selbstmord beispielsweise.

Hintze: Mir ist eine Gottesvorstellung fremd, die einen Todkranken leiden lässt.

Frage: Thomas von Aquin war anderer Meinung, für ihn ist die Selbsttötung gleichbedeutend mit der Leugnung, dass das Leben ein Gottesgeschenk ist.

Hintze: Ein Qualtod soll ein Gottesgeschenk sein? Das ist mittelalterliches Denken. Thomas war ein großer Theologe. Aber hier irrt er.

Frage: Irrt Ihre Kirche auch? 2008 hat der Rat der EKD in einer Orientierungshilfe bestritten, dass es ein Menschenrecht auf Suizid gibt. Aus dem generellen Recht auf Selbstbestimmung, hieß es damals, ließe sich kein Recht auf all das ableiten, wozu Menschen sich selbst bestimmen können und wollen.

Hintze: Der Rat der EKD hat in seiner Orientierungshilfe klargestellt, dass das ärztliche Handeln zuerst und vor allem auf den Erhalt des Lebens zielen sollte. Das sehe ich genauso. Gleichzeitig erkennt die EKD aber auch an, dass es Grenzsituationen gibt, die sich dieser allgemeinen Regelung entziehen und in denen eine persönliche Gewissensentscheidung gerechtfertigt ist. Insoweit begeht meine Kirche nicht den Fehler, sich auf einen Dogmatismus und eine kategorische Ablehnung zurückzuziehen, die nicht durch Jesus Christus gedeckt ist. Der lehrte bekanntlich, dass religiöse Gebote weniger wichtig sind als die Liebe zum Nächsten.

Frage: Da beziehen Sie sich auf Jesu laxe Haltung gegenüber dem Sabbat. Aber erstens hätte Jesus wohl zwischen Sabbatgebot und Tötungsverbot einen Unterschied gesehen. Und zum Zweiten: Das war der Messias! Wer sind wir, dass wir meinen, wie er entscheiden zu können, welche Regel wir befolgen dürfen und welche nicht?

Hintze: Wir sind freie Individuen. Die Worte Jesu rufen uns zur Nächstenliebe, zur Hilfe für die Schwachen auf. Diese Worte sind die Richtschnur, wie wir mit der uns von Gott geschenkten Freiheit umgehen sollen.

Frage: Dann gibt es keine allgemein verbindliche Moral mehr?

Hintze: Für mich als Christen sind die Liebe zu Gott und die Liebe zum Nächsten verbindlich. Danach lebe ich und handele ich als Politiker und Privatmensch. Gleichzeitig muss ich akzeptieren, dass wir mittlerweile in einer pluralistischen Gesellschaft leben, in der es keine allgemein verbindliche Moral mehr gibt, die von allen akzeptiert wird.

Frage: Ist das so? In Ihrem Gesetzesentwurf zur Legalisierung des assistierten Suizids sprechen Sie von einer Moral des individuellen Dafürhaltens. Damit heben Sie die Selbstbestimmung auf den moralischen Sockel.

Hintze: Nein. Selbstbestimmung ist keine moralische Norm, sondern ein integraler Bestandteil der Menschenwürde.

"Ich habe eine starke Liebe zum Leben"

Frage: Das heißt im Umkehrschluss: Wer nicht mehr in der Lage ist, über sich selbst zu bestimmen, weil er krank ist oder behindert, hat automatisch seine Menschenwürde verloren beziehungsweise nie eine besessen?

Hintze: Unsinn. Das würde ja bedeuten, dass die Nazis den Opfern der KZ-Vernichtung nicht nur das Leben, sondern auch die Menschenwürde genommen hätten. Doch das ist ihnen nicht gelungen, und es konnte auch nicht gelingen. Die Menschenwürde kann man dem Menschen nicht nehmen. Sie ist unzerstörbar. Der weltanschaulich neutrale Staat kann jedoch die Menschenwürde achten, indem er das menschliche Recht auf Selbstbestimmung achtet.

Frage: Und ab wann ist ein Mensch in der Lage, über sich selbst zu bestimmen?

Hintze: Selbstbestimmung heißt, die Konsequenzen seines Handelns einschätzen und bewerten zu können.

Frage: Haben Sie in Ihrem Gesetzesentwurf deshalb psychische Krankheiten als Grundlage für einen assistierten Suizid ausgeschlossen?

Hintze: Die Hilfe zum Suizid ist nach derzeitiger Rechtslage grundsätzlich straffrei und soll es auch künftig bleiben. Sinn und Zweck unseres Gesetzentwurfs ist es, unabhängig von der strafrechtlichen Seite solchen Patienten, bei denen es nicht mehr um das Ob, sondern um das Wie des Sterbens geht, ausdrücklich das Recht zu geben, ihren Arzt um Hilfe beim friedlichen Entschlafen zu bitten. Zugleich werden hierdurch die Ärzte vor berufsrechtlichen Sanktionen geschützt. Die ausdrückliche Möglichkeit einer ärztlichen Suizidhilfe setzt nach unserer Auffassung die selbstbestimmte Entscheidung des Patienten zwingend voraus. Davon abgesehen muss die Krankheit des Patienten irreversibel zum Tode führen und er selbst unter dieser Krankheit außergewöhnlich leiden.

Frage: Physisches Leid kann psychisches Leid jedoch hervorbringen: Was ist beispielsweise mit dem Krebspatienten, der aufgrund seiner Erkrankung schwer depressiv geworden ist? Kann der wirklich noch über sich selbst bestimmen?

Hintze: Deshalb gilt es im Zweifelsfall genau zu klären, was die Quelle seines Sterbewunsches ist. Ist es die physische Erkrankung oder ist es das psychische Leid, das irgendwann hinzugekommen ist und nun alles dominiert?

Frage: Die Unterscheidung dürfte in der Praxis schwer zu treffen sein.

Hintze: Dann reden Sie mal mit den Ärzten, die tagtäglich mit Sterbenskranken zu tun haben. Die werden ihnen etwas anderes erzählen.

Frage: Und warum lehnen es die deutschen Ärzte dann ab, Suizidbeihilfe zu leisten?

Hintze: Das ist falsch. Richtig ist: Der Deutsche Ärztetag hat die Suizidbeihilfe mit Mehrheit abgelehnt. Nur repräsentiert der Deutsche Ärztetag in diesem Punkt nicht die deutsche Ärzteschaft. So hat eine Untersuchung der Ruhruniversität Bochum ergeben, dass die Mehrheit der Ärzteschaft in Deutschland eine Suizidhilfe bei einem schwer leidenden Todkranken billigt. Dabei haben etwa die Onkologen gegen die Suizidbeihilfe wesentlich weniger Vorbehalte als Ärzte, die mit Todkranken so gut wie nie in Berührung kommen.

Frage: Zum Beispiel …

Hintze: Augenärzte.

Frage: Teilen Sie nicht insgeheim deren Vorbehalte? Für sich selbst schließen Sie ja auch aus, irgendwann selbstbestimmt aus dem Leben zu scheiden.

Hintze: Natürlich würde auch ich als Mensch und Theologe jeden Kranken zuallererst ermuntern, den natürlichen Tod für sich zu akzeptieren. Ich weiß aber aus dem Gespräch mit Palliativmedizinern, dass es ganz grauenhafte Grenzsituationen gibt, in denen es einfach unbarmherzig und lieblos ist, einem Menschen, der todkrank ist und um Erlösung von seinen Schmerzen bittet, mit Verweis auf eine höhere Moral zu drohen.

Frage: Noch mal: Warum ziehen Sie den assistierten Suizid für sich selbst nicht in Betracht?

Hintze: Ich habe eine starke Liebe zum Leben.

Frage: Aber wie können Sie jetzt für sich selbst bestimmen, alles Leid, was kommen mag, zu ertragen und sich nicht das Leben zu nehmen? Wie können Sie sicher sein?

Hintze: Das kann ich nicht. Man ist immer nur in der Lage, darüber zu reden, wie man im Moment denkt, fühlt und entscheiden würde. Als Pfarrer habe ich Menschen getroffen, die meinten, eine Situation nicht mehr ertragen zu können. Und dennoch war es oftmals möglich, ihren Lebenswillen durch menschliche Nähe und Zuwendung neu zu wecken. Zur menschlichen Tragödie gehört, dass man sich seiner Entscheidung nie vollends sicher sein kann. Deshalb hoffe ich …

Frage: Worauf?

Hintze: Dass ich nie in so eine Situation komme.

Bundestag - Positionen zur Sterbehilfe