Initiatorin Vally Steiner mit Kulturstadtrat Mailath-Pokorny

Vor dem Haus Grundlgasse 5 in Wien-Alsergrund beugt sich eine kleine, zierliche Dame tief zum Boden hinunter. Dort sind vier quadratische Messingplatten in den Bürgersteig eingelassen. Zwei davon tragen die Namen ihrer Großeltern, Valerie und Heinrich Steiner, die hier wohnten und beide 1942 von der NS-Mordmaschine nach Riga verschleppt und ermordet wurden. Die beiden Plaketten sind alles, was von ihnen übrig geblieben ist. Sie müssen heute Grabsteine und Erinnerungsstücke ersetzen.

Vor zehn Jahren, im November 2005, gründete Vally Steiner mit vier Gleichgesinnten ihren Verein Steine der Erinnerung, der systematisch mit den kleinen Memorials in der ganzen Stadt ein Stück Erinnerungskultur einpflanzt. An diesem Tag trifft sich Vally Steiner mit dem Wiener Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny, um einige der Erinnerungssteine im Bezirk zu besuchen. Der rote Kulturpolitiker sagt, eine spezifische Gedächtniskultur sei für eine Stadt wie Wien mit ihrer wechselvollen Geschichte von besonderer Bedeutung. Sie erst präge die Identität der Kommune. Seit einiger Zeit legt die Gemeinde besonderen Wert darauf, diese Erinnerungsorte zu pflegen oder, wie im Fall des alten jüdischen Friedhofs in der Seegasse, zu restaurieren. Die meisten der Gedächtnisstätten erzählen von Mord, Vertreibung und Flucht.

Gerade in einer Zeit, in der Flüchtlingskarawanen durch Europa ziehen, sollen etwa die Erinnerungssteine auch daran gemahnen, dass in dem Land, in dem heute viele Tausende Flüchtlinge Zuflucht suchen, einst weit über hunderttausend Wiener eine oft gefahrvolle Reise ins Exil antreten mussten, um ihr Leben zu retten, während rund 60.000 jüdische Wiener in der Vernichtungmaschinerie des NS-Regimes ihr Leben verloren. Plaketten wie jene für das Ehepaar Steiner verbinden so das Gestern mit dem Heute.

Herbert Steiner, den Sohn von Vater Heinrich, würde man heute als einen unbegleiteten Jugendlichen auf der Flucht bezeichnen. Damals, 1938, war der 15-jährige Schüler im kommunistischen Jugendverband tätig. Einer seiner Freunde, welcher der Hitlerjugend beigetreten war, warnte ihn: Der junge Jude solle besser alsbald das Weite suchen. Gemeinsam mit einem Bekannten schlug er sich über Deutschland und die Niederlande bis nach England durch.

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 40 vom 01.10.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

In London kam Herbert Steiner bei einer Pflegefamilie unter, eine Flüchtlingsbetreuerin ermöglichte ihm, eine Lehre als Schriftsetzer zu absolvieren. Politisch engagierte er sich als Sekretär der Jugendgruppe Young Austria, die letztlich kommunistisch dominiert war. Heute nennt man das gelungene Integration.

Gleich nach Kriegsende kehrte Herbert Steiner 1946 aus der Emigration nach Wien zurück und wurde Funktionär der kommunistischen Jugendorganisation Freie Österreichische Jugend. Der wertvollste Schatz, den er aus dem Exil mitgebracht hatte, war ein Bündel mit rund 100 Briefen, über die er mit seinen Eltern in Verbindung gestanden hatte. Daraus versucht nun Vally Steiner die Familiengeschichte zu rekonstruieren. "Mein Vater hat nie viel über seine Emigration gesprochen", erzählt sie. Der Korrespondenz ist allerdings zu entnehmen, dass Herbert Steiner bis zuletzt verzweifelt versucht hatte, seine Eltern nach England nachzuholen. Als dann 1942 der Kontakt schlagartig abbrach, musste er erkennen, dass er gescheitert war. "Ich glaube", erzählt seine Tochter, "dass er sich danach gesagt hat: Von nun an schaffe ich alles in meinem Leben." Steiner studierte Geschichte in Prag und gehörte 1963 zu den Gründern des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes, einer überparteilich organisierten Forschungsstätte, die nunmehr auch eine der wichtigsten Stellen zur Beobachtung von Rechtsextremismus ist.

Die heute pensionierte Pflichtschullehrerin und Psychologin Vally kam erst spät dazu, sich näher mit der Geschichte ihrer Familie zu beschäftigen. Obwohl ein Cousin ihres Vaters, Ivan Hacker, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde war, sagt Vally Steiner, "hat es das Jüdische bei uns nicht gegeben". Erst nach dem Tod von Herbert Steiner bekam sie den Briefstapel aus der Vergangenheit zu lesen.

Es war für Vally Steiner klar, dass einer der ersten Steine der Erinnerung, die sie mit ihrem Verein setzen würde, ihren Großeltern gewidmet seinb würde. Ins Rollen gebracht hatte die Aktion vor zehn Jahren die Besitzerin eines Hauses in der Porzellangasse, die sich weigerte, eine Gedenktafel für ein Ehepaar an dem Gebäude anzubringen, das dort gelebt hatte und von den Nazis nach Polen deportiert und ermordet worden war. Stattdessen wurde vor dem Haus ein Gedenkstein in den Asphalt eingelassen. Nach diesem Beginn wurden es in ganz Wien bis heute 328 Steine der Erinnerung, die an 1.260 Personen gemahnen.

Diese Form, der Opfer des NS-Regimes zu gedenken, orientiert sich an dem Konzept des deutschen Künstlers Gunter Demnig, der schon 1994 in Köln seine ersten Stolpersteine, wie er sie nannte, setzte: Dazu wird ein Steinwürfel von knapp zehn Zentimetern Kantenlänge, der von einer Messingplatte bedeckt ist, in die Straße eingelassen. Bisher wurden in ganz Europa über 50.000 Memorials verlegt. Die Stolpersteine sind damit das größte dezentrale Mahnmal der Welt.