"Hallo, hier ist die Susi, könnt ihr auch nach Tonndorf kommen?" Planänderung, Susi hat ihr Training verschoben und lädt zum Gespräch nicht in ihr Boxstudio, sondern in eine Restaurantkette nach Wandsbek. Ihr Name prangt auf dem schwarzen Trainingsanzug, das Gesicht ist perfekt geschminkt. Ihr Handy liegt während des Gesprächs neben ihr; sie beantwortet Nachrichten, checkt Twitter, Instagram und Facebook, telefoniert und entschuldigt sich jedes Mal, es sei gerade so viel los: hat ihre eigene Box-Promotion gegründet, sie macht jetzt alles selbst. Ihren ersten Kampf in Eigenregie boxt sie am 2. Oktober in der Inselparkhalle in Wilhelmsburg gegen die Mexikanerin Susana Cruz Perez. Es geht um gleich zwei WM-Titel.

DIE ZEIT: Frau Kentikian, was denken Sie, wenn Sie im Fernsehen tobende Rechtsradikale vor Flüchtlingsheimen sehen?

Susi Kentikian: Wenn ich solche Leute sehe, kriege ich gleich einen Abtörner. Sie machen mir Angst und ekeln mich an. Die Flüchtlinge haben nichts, gar nichts. So ein Leben ist echt die Härte, ich kenne das.

ZEIT: Sie sind mit Ihrer Familie als Kind aus Armenien geflohen, lebten insgesamt acht Jahre in Flüchtlingsunterkünften in Hamburg und hatten selbst nichts. Wie lebt man mit nichts?

Kentikian: Wir wohnten damals auf dem Asylschiff Bibby Altona. Wir hatten wirklich ganz wenig Geld. Einmal, als ich neun war, lief ein betrunkener Mann auf der Straße. Er hatte einen Batzen Geldscheine dabei, 500-Mark-Scheine. Wirklich! Er schwankte, und einer der Scheine fiel aus seiner Tasche. Ich habe ihn aufgehoben, bin zu ihm gelaufen und habe es ihm zurückgegeben. Ich weiß noch, dass mein Vater von hinten schrie: Susi! Neeein! Geh nicht dahin! Aber zu spät. Der Mann hat sich nicht mal bedankt. Das war schlimm für meinen Vater.

ZEIT: Durften Sie sich jemals selbst etwas kaufen?

Kentikian: Nein. Ich konnte mir nicht mal ein Croissant leisten und hatte immer große Augen auf alles, was ich nicht haben konnte. Meine Mutter hat mir manchmal mit ihrem letzten Geld eins gekauft, das war ein Highlight für mich. Oder einen Cheeseburger bei McDonald’s. Sie hat immer versucht, mir meine Wünsche zu erfüllen. Als Kind will man so viel.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 40 vom 01.10.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

ZEIT: Haben Sie geklaut?

Kentikian: Ja, kleine Sachen, Haarspangen und Sticker zum Beispiel. Als ich zehn war, habe ich die immer bei Karstadt eingesteckt. Irgendwann haben sie mich erwischt. Ich hatte große Angst und habe gefragt: Muss ich jetzt ins Gefängnis? Sie sagten: Nee, aber dein Vater muss gleich kommen. Der war so sauer, er schrie: Mach das nie wieder! Für so ein 2-Mark-Ding!

ZEIT: Wann haben Sie das erste Mal etwas verdient?

Kentikian: Mit 13. Ich habe im Fitnessstudio meines Trainers geputzt. In der Stunde habe ich sieben Mark bekommen. Das war für mich so viel Geld! Ich habe gespart, irgendwann hatte ich 300 Mark beisammen. Das Geld habe ich zu Hause unter unserem Fernseher versteckt.

ZEIT: Durften Sie es behalten?

Kentikian: Eigentlich schon, ich bekam ja kein Taschengeld. Aber dann wurde bei uns eingebrochen. Wir wohnten zu der Zeit im Flüchtlingsheim in Langenhorn. Die Diebe haben meine 300 Mark mitgenommen und Familienschmuck aus Gold. Da habe ich geweint, aber so was von. Für mich war das unfassbar viel Geld. Ich hatte ein Jahr geputzt – für nichts. Ich dachte: Warum nimmt man mir noch das Letzte weg?

ZEIT: Wissen Sie, wer Sie bestohlen hat?

Kentikian: Ein falscher Freund. Er hat sich bei uns eingeschleimt, den Schlüssel kopiert, dann ist er rein, als mein Bruder und ich in der Schule waren und meine Eltern nicht zu Hause. Das war leider nicht das einzige Mal, wir wurden öfter bestohlen.

ZEIT: Haben Sie die Täter jemals erwischt und bestraft?

Kentikian: Das wäre schön gewesen. Ich weiß aber noch, dass ich als Kind den Satz gesagt habe: Ich werde alles zurückholen. Am Ende kommt die Belohnung.

ZEIT: Die kam tatsächlich: Mit 17 Jahren haben Sie angefangen, als Profi zu boxen.

Kentikian: Seit der Zeit hat sich alles bei mir geändert. Ich hatte plötzlich Geldeingänge, die unfassbar waren.

ZEIT: Seit zehn Jahren sind Sie Profi. Im letzten Jahr haben Sie Pause gemacht. Warum steigen Sie am 2. Oktober wieder in den Ring?

Kentikian: Ich habe überlegt aufzuhören. Und dann dachte ich: Was redest du da für einen Quatsch? Kannste gar nicht. Seit ich klein war, habe ich nur Sport gemacht. Das ist doch alles, wofür ich lebe! Aber ich muss jetzt einen neuen Weg gehen. Ich will nicht mehr andere für mich entscheiden lassen. Mein damaliger Promoter hat sich sehr wichtig gemacht. Ich will jetzt beachtet werden. Die erste Pressekonferenz für Promotion in Hamburg war unglaublich. So ein Blitzlichtgewitter hatte ich noch nie.