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DIE ZEIT: Frau Abbas, Sie sind vor drei Jahren aus Syrien geflohen. Vor wem? Vor dem Regime oder vor dem IS?

Rasha Abbas: Vor dem Regime. Ich hatte an Protesten teilgenommen, und zwei von meinen Freunden sind im Gefängnis verschwunden, ich weiß bis heute nicht, was mit ihnen geschehen ist. Niemand kann sich vorstellen, was in syrischen Gefängnissen passiert. Ich ging erst nach Beirut, aber es wurde mir immer klarer, dass ich nicht würde zurückkehren können. Ich schreibe für ein Magazin, das in den befreiten Gebieten in Nordsyrien vertrieben wird, das Regime kennt also meinen Namen.

ZEIT: Herr Zater, Sie hingegen kommen aus Libyen, einem Land, in dem ein Diktator beseitigt wurde. Warum sind Sie geflohen?

Salah Zater: Ich wurde nach dem Sturz Gaddafis Fernsehjournalist, aber ich konnte mich nicht frei äußern. Einige Milizen wollten nicht, dass ich über die Menschenrechtslage berichte, über die dunkle Seite Libyens. Wenn ich etwas veröffentlicht hatte, riefen die Kollegen an und sagten: Komm besser ein paar Tage nicht zur Arbeit. Diplomaten und Leute von Journalismusstiftungen haben mir irgendwann geraten, das Land zu verlassen.

ZEIT: War es also ein Fehler, dass die Nato 2011 durch ihre Luftangriffe geholfen hat, Gaddafi zu stürzen?

Zater: Ja, natürlich war das ein Fehler, ein großer Fehler. Sie haben die falschen Leute unterstützt. Die USA und die internationale Gemeinschaft wollten doch, dass der IS und die Muslimbrüder an die Macht kommen.

ZEIT: Wollten sie das? Die Rechtfertigung für die Intervention lautete damals, dass Gaddafi drauf und dran war, in der Aufständischen-Hochburg Bengasi ein Blutbad anzurichten.

Zater: Kann sein, dass Gaddafi eine Menge Leute umgebracht hätte. Aber er hätte das Land auch kontrolliert. Und heute? Ich meine, wir müssen die Wahrheit sagen. Heute sterben mehr Menschen, weil die Leute, die die Revolution unterstützt haben, oft noch üblere Typen waren als er.

ZEIT: Frau Abbas, wenn wir Ihren Gesichtsausdruck gerade richtig deuten, sehen Sie das anders.

Abbas: Nun ja, in Syrien haben wir ähnliche Probleme: einen Diktator in Damaskus, der Massaker verübt. Zugleich bildeten sich während der Revolution Gruppen, denen man keine Zukunft wünscht. Aber die Situation ist so, weil es keine Intervention gibt, weil niemand etwas unternimmt. Ich weiß nicht recht, was ich mir wünschen soll. All dieses Chaos mit den Fassbomben, die Assad regnen lässt – oder ein Chaos ohne Fassbomben. Aber warum wird keine Flugverbotszone eingerichtet? Die USA bilden gerade mal vier oder fünf Leute aus, die in Syrien gegen den IS kämpfen sollen. Und jetzt sehen wir diese Bilder von schwerem Kriegsgerät, das die Russen ins Land schaffen. Es geht also doch. Und niemand im Westen schreit: Hände weg von Syrien, kein Militäreinsatz in einem fremden Land! Das verstehe ich nicht.

ZEIT: Einerseits machen Militärinventionen also alles schlimmer, andererseits ...

Abbas: ... geht es nicht schlimmer als jetzt!