Den ersten Fehler findet man schon auf der ersten Seite: Im Titel der Doktorarbeit wird das "Syndrom" zum "Sysndrom". Ursula von der Leyen, die Madame Perfekt der Politik, hat geschludert. Als Wissenschaftlerin. Vor 25 Jahren. In ihrer Promotion an der Medizinischen Hochschule Hannover. Insgesamt 27 der 62 Seiten ihrer Doktorarbeit weisen Unstimmigkeiten auf.

Die Plagiatsplattform VroniPlag Wiki hat sie dokumentiert. Sie werden von der Leyens Image als Sauberfrau schaden. Weitere Konsequenzen jedoch, diese Vorhersage sei gewagt, muss die Verteidigungsministerin nicht fürchten. Zu dieser Prognose kommt man, wenn man die Maßstäbe der anderen Plagiatsverfahren anlegt.

Karl-Theodor zu Guttenberg schusterte seine Arbeit seitenweise aus anderen Werken zusammen. Von der Leyen dagegen übernimmt meist nur stellenweise Worte oder Satzfragmente, ohne diese Zitate durch Anführungszeichen kenntlich zu machen. An fünf Stellen erweisen sich von der Leyens akademische Sünden als schwerwiegender: Hier kopiert sie in Guttenberg-Manier weitgehend wortwörtlich längere Passagen, ohne die Zitate als solche auszuweisen. Doch anders als ihr Vorvorgänger im Amt verschweigt von der Leyen ihre Quellen nicht völlig und nennt an jeweils einer Stelle deren Namen. Laut Analyse der Plagiatsprüfer stammen rund zwölf Prozent ihrer Dissertation aus fremden Quellen – bei Guttenberg waren es hingegen 62 Prozent.

Auch Annette Schavan hatte in ihrer Arbeit wissenschaftliche Standards verletzt, wenn auch weit seltener als Guttenberg. Meist gab sie – wie auch von der Leyen mehrfach – Autoren als Quelle an, deren Schriften sie selbst gar nicht gelesen hatte. Ob bei Schavan überhaupt eine Täuschungsabsicht vorlag, darf bis heute bezweifelt werden. Trotzdem verhängte die Universität Düsseldorf gegen die damalige Bildungsministerin die Höchststrafe: Titelentzug.

Bei Ursula von der Leyen tauchen die Unregelmäßigkeiten vor allem am Anfang und am Ende ihrer Promotionsarbeit auf. Dort also, wo die Medizinerin ihr Thema vorstellt und den Forschungsstand referiert. Das Herzstück der Arbeit erweist sich dagegen als sauber: jene Kapitel, in denen die Ärztin die Ergebnisse ihrer Untersuchungen (an Schwangeren mit vorzeitigem Blasensprung) ausbreitet und diskutiert. Für Mediziner und andere Naturwissenschaftler ist dieser Teil die eigentliche Doktorarbeit. Echte Fälschungsabsichten betreffen daher in der Regel diesen experimentellen Teil: Manche Doktoranden manipulieren Ergebnisse oder erfinden Patienten. Solche Betrügereien aber wirft der Ministerin niemand vor.

Zur Illustration der drei Arbeiten kann man einen Vergleich aus dem Straßenverkehr heranziehen: Während Guttenberg im volltrunkenen Zustand Dutzende rote Ampeln überfuhr und Schavan ein paar Stopp- und Einbahnstraßenschilder ignorierte, hat Ursula von der Leyen zweimal im absoluten Halteverbot geparkt. Ob sie den Verstoß gegen die geltende Ordnung überhaupt bemerkt hat, ist durchaus offen.