Angst vor Zahlen ist ein neues Gefühl für den Herrenclub, der sich seit vergangener Woche Tag für Tag zu Krisensitzungen trifft. In den vergangenen Jahren hatte es das Aufsichtsratspräsidium des Volkswagenkonzerns ja stets mit erfreulichen Daten zu tun: mehr Gewinn, mehr Umsatz, mehr verkaufte Autos, und auch das: höhere Managergehälter.

Seit am 18. September US-Behörden öffentlich machten, dass das Unternehmen bei Abgastests seiner Autos betrogen hat, ist jede neue Rekordzahl, von der die Aufseher erfahren, Vorbote einer Angstzahl: weniger Gewinn, weniger Umsatz, weniger verkaufte Autos. Und während vor wenigen Monaten noch Bonuszahlungen für die gehobenen Fachkräfte eine Rolle spielten, drehen sich die Diskussionen nun nicht nur um die Frage, ob Manager auch persönlich haften und ihre Existenzgrundlage verlieren.

"Es geht um nichts weniger als das Überleben des VW-Konzerns", sagt ein Aufsichtsrat.

Tatsächlich geht es inzwischen sogar um mehr als das. Weil VW – zum Konzern gehören zwölf Marken, unter anderem Audi, Seat und Porsche – systematisch bei Abgastests seiner Dieselfahrzeuge betrogen hat, stehen nun alle deutschen Automobilhersteller unter Rechtfertigungsdruck, sorgen sich deutsche Industriekonzerne um das Vertrauen in deutsche Ingenieurskunst und deutsche Politiker um die Einhaltung der versprochenen Emissionsgrenzen zur Erreichung der nationalen Klimaziele.

Tausende Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel, weil die VW-Affäre die Dieseltechnik diskreditiert. Schließlich machen Mercedes, BMW, VW und deren Zulieferer einen Großteil ihres Geschäfts in Europa mit dem Diesel. Während die VW-Aufsichtsräte noch in "Schockstarre" tagen, wie ein Teilnehmer berichtet, nehmen die Börsenkurse schon die drohenden Langfristfolgen vorweg: Kosten durch Strafzahlungen und Rückrufaktionen, dazu weniger Einnahmen, weil die Kunden weniger deutsche Dieselfahrzeuge kaufen werden. Der VW-Konzern verlor seit der Schreckensnachricht vergangene Woche gut 32 Milliarden Euro an Wert, fast 41 Prozent.

Bislang zog kein VW-Manager wirklich freiwillig Konsequenzen. Vorstandschef Martin Winterkorn trat am 23. September erst nach Druck durch den Aufsichtsrat zurück. Andere Führungskräfte wehren sich sogar juristisch gegen ihre "Beurlaubung". Selbst manche Aufsichtsräte wollten zunächst nicht wahrhaben, dass die viel gerühmten Helden der Entwicklungsabteilung manipuliert hatten. Jene Leute, denen der angebliche "Vorsprung durch Technik" (Audi-Werbeslogan) zu verdanken war.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 40 vom 01.10.2015.

Erst als Berthold Huber, der kommissarische Aufsichtsratschef und ehemalige IG-Metall-Vorsitzende, Winterkorn das Vertrauen entzog, forderten auch die übrigen Aufsichtsräte wie die Vertreter der Familien Porsche und Piëch Konsequenzen. Seitdem rollen Köpfe. Sechs Topmanager, darunter die Entwicklungsvorstände von VW, Audi und Porsche, sind bis auf Weiteres freigestellt – alle waren einst in Wolfsburg als Topleute der Entwicklung tätig.

Die Aufseher fürchten, sonst selbst Getriebene der Justiz zu werden. Anfang der Woche eröffnete die Braunschweiger Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren wegen Betrugsverdacht gegen Winterkorn, der sagt, er sei sich "keines Fehlverhaltens bewusst".