Ob er sich Herbie Nichols als Schutzheiligen ausgesucht hat, weil er selbst, wie der 1963 verstorbene Pianist, vielen Jazz-Hörern unbekannt ist? Nein, es sind wohl rein musikalische Gründe, die den in Berlin lebenden Achim Kaufmann immer wieder zu Nichols Kompositionen zurückkehren lassen, ob auf der im Frühjahr ganz Herbie Nichols gewidmeten Duo-CD Furthermore (mit dem großartigen Saxofonisten Michael Moore) oder jetzt, mit zwei Nichols-Stücken auf der Solo-Platte Later.

Beide Platten haben ihm, neben all den anderen wunderbaren Scheiben, die er in den letzten Jahren eingespielt hat, den Albert-Mangelsdorff-Preis eingebracht, den neben dem SWR-Jazzpreis angesehensten und höchstdotierten deutschen Jazzpreis – wobei das Maximum eben schon bei 15.000 Euro liegt.

Herbie Nichols nun war nicht ganz so ostentativ eckig wie sein auffälligerer Zeitgenosse Thelonious Monk, obgleich seine vertrackten Harmonien es mit den Monkschen Erfindungen durchaus aufnehmen können. Dass auch Monk eine sehr leise und subtile Seite besitzt, zeigt Achim Kaufmann mit seiner Version von Misterioso, dessen Abfolge von Sext-Schritten dazu einlädt, behäbig die Tastatur hochzustapfen, rechts-links, rechts-links. Kaufmann lässt die Melodie anmutig tanzen, auf Zehenspitzen. Es sind die minimalen Verschiebungen, die auf Later den großen Unterschied machen. Das fällt auch bei den beiden Pop-Stücken auf, die er sich ausgesucht hat, Bob Dylans It’s all over now, baby blue und Syd Barretts Dominoes. Deren Harmonien könnten schnell statisch wirken, hier schweben sie vom ersten Ton an.

Der Mittfünfziger Achim Kaufmann nimmt sich eine Freiheit, die mit Free Jazz nichts zu tun hat, die er sich aber vielleicht gerade im Free Jazz erspielt hat. Der naheliegenden Phrase aus dem Weg zu gehen, jede Akkordfolge zu hinterfragen, jede Note fernab aller Regeln erst einmal atmen zu lassen.

Der Rhythmus des Atems schließlich bestimmt die Musik. Und so ist Later, auch wenn oder gerade weil hier Klassiker von Nichols, Monk oder Duke Ellington Pate stehen – man darf auch an den frühen Keith Jarrett denken –, pure Frischluftzufuhr.

Achim Kaufmann: Later (Pirouet Records, CD)