Der seit 30 Jahren im Pariser Exil lebende syrische Dichter Adonis soll am 20. November den Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis der Stadt Osnabrück erhalten. Doch in der deutschen Presse gibt es heftige Kritik an der Ehrung des 85-jährigen Autors, der zu den bedeutendsten lebenden Lyrikern der Welt zählt. Der syrische Philosoph Sadik al Azm und der syrische Autor Yassin al Haj Saleh behaupten: Adonis sei nicht würdig, einen solchen Preis zu erhalten. Er sei ein Parteigänger Assads und ein Feind des aufgeklärten und freiheitlichen Denkens. Auch der diesjährige Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, Navid Kermani, weigert sich, die Laudatio auf Adonis zu halten.

DIE ZEIT: Man wirft Ihnen in der deutschen Presse vor, das Regime Baschar al-Assads zu verteidigen. Was ist an diesen Vorwürfen dran?

Adonis: Ganz einfach: nichts. Die Leute, die so etwas behaupten, lesen nicht. Wenn man jemand angreift, muss man ihn lesen. Es gibt ein Buch, das ich vor einem Jahr in Frankreich veröffentlicht habe und in dem ich das Assad-Regime radikal kritisiere (Printemps arabes, religion et révolution, collection "Politique", Éditions de la Différence, Paris, 2014. Anm. d. Red.). Jeder kann das lesen. Man soll mir eine Zeile, einen Satz zeigen, der das Regime unterstützt. Ich habe Syrien 1956 verlassen. Als ich aus dem syrischen Schriftstellerverband ausgeschlossen wurde, waren meine Angreifer alle da, und niemand hat etwas gesagt. Es war die Baath-Partei, die mich ausgeschlossen hat. Diejenigen, die mich jetzt angreifen, verlangen von mir politische Gefolgschaft. Das ist eine mittelalterliche Auffassung. Ich bin Schriftsteller, ich bin auch kämpferisch, aber ich bin nicht bereit, irgendjemandem Gefolgschaft zu leisten.

ZEIT: Was möchten Sie Ihren Kritikern entgegnen?

Adonis: Ich schlage diesen Leuten, die mich kritisieren, vor, einen Appell für eine neue syrische Gesellschaft zu formulieren. Dieser Appell sollte folgende Prinzipien enthalten: Laizismus, die Trennung von Religion, Politik, Kultur und Gesellschaft, die vollständige Befreiung der Frau von den Geboten der Scharia, die Gründung einer Demokratie, die auf den Menschenrechten beruht und Minderheiten achtet, die Einhaltung der Bürgerrechte, ohne Rücksicht auf ethnische oder religiöse Herkunft, die Unabhängigkeit von ausländischen Mächten und eine Revolution, die nicht gewaltsam ist. Wenn meine Herren Kritiker einen derartigen Appell für eine laizistische Gesellschaft formulieren, unterschreibe ich ihn sofort.

ZEIT: Was genau haben Sie in Ihrem jüngsten Essayband Printemps arabes an Assad kritisiert?

Adonis: Es geht nicht um Assad, es geht um sein Regime, das auf einen politischen und kulturellen Monotheismus hinausläuft, der nichts als eine Verlängerung des religiösen Monotheismus ist. Und ich bin ein radikaler Gegner jeder institutionalisierten Religion.

ZEIT: In Ihrem offenen Brief an Assad, der in dem Essayband enthalten ist, haben Sie ihn als "gewählten Präsidenten" bezeichnet. Diese Formulierung ist seltsam.

Adonis: Er ist schließlich nicht durch einen Staatsstreich an die Macht gekommen.

ZEIT: Aber auch nicht durch demokratische Wahlen.

Adonis: Niemand hat widersprochen, als er an die Macht kam. Die Baath-Partei hat ihn gewählt, und weder Frankreich noch Deutschland oder Großbritannien hatten etwas dagegen einzuwenden. Jeder hat das akzeptiert. "Gewählt" war das gebräuchliche Wort dafür im damaligen Kontext. Aber was soll das? Auch wenn er nur in Anführungsstrichen "gewählt" wurde, bin ich gegen ihn.