Unschuldig oder schuldig, wie geht die Sache aus? In Berlin: 255 gegen 207. In Frankfurt: 240 gegen 230. Man wird im Theater künftig öfter über solche Zahlen sprechen, und man wird sie mit den Summen vergleichen, die in anderen Städten herauskamen. Das Stück, von dem hier die Rede ist, wird für Furore sorgen, unter anderem deshalb, weil es sein Publikum spaltet; es schafft Mehrheiten und Minderheiten. Ein Patt ist nicht vorgesehen. Knapp wird die Sache immer ausgehen. Es ist ein Kampf um Nuancen, aber auch ein Kampf ums Leben.

Wir sehen, wie auf der Bühne ein Angeklagter verhört wird. Dann müssen wir, die Zuschauer, das Urteil ermitteln. Der Angeklagte heißt Lars Koch und ist Major der Luftwaffe. Koch schoss mit seinem Kampfjet ein Zivilflugzeug der Lufthansa ab, welches von einem mutmaßlich islamistischen Terroristen entführt worden war. Der Terrorist hatte gedroht, das Flugzeug in der ausverkauften Münchner Allianz Arena zum Absturz bringen. Der Pilot verhinderte das Attentat auf 70.000 Menschen, indem er 164 Menschen tötete (die allerdings, der Logik dieser Konstellation folgend, sowieso gestorben wären). Er wird zum Mann ohne Ausweg, zum Opfer einer Aporie. Macht ihn seine Tat zum Verbrecher oder zum Helden?

Bei der Uraufführung von Ferdinand von Schirachs Terror am Deutschen Theater Berlin wurde mittels Hammelsprung abgestimmt: Die Zuschauer verließen den Saal und kehrten durch mit "Schuldig" beziehungsweise "Unschuldig" beschriftete Eingänge zurück. 550 Kilometer entfernt, in Frankfurt, wo das Stück am selben Abend uraufgeführt wurde, stimmten die Zuschauer mit Quiz-Buzzern ab. In beiden Theatern kam es – siehe oben – zum Freispruch. Dass das Stück in zwei großen Städten gleichzeitig uraufgeführt wurde, wie man es früher mit Dramen Ibsens oder Schnitzlers getan hatte, zeigt schon, dass sich der Theaterbetrieb von Schirach viel erhofft. Terror soll in dieser Saison an 16 deutschen Bühnen gespielt werden. Freudige Erregung in den Sälen darf vorausgesetzt werden: Wann sonst haben 500 Deutsche auf einen Schlag Gelegenheit zu so feuriger und folgenloser Lagerbildung?

Der mutmaßliche Erfolg des Stücks hat noch einen dunkleren Grund: Es ist ein Stück für schlechte Zeiten und eine Beschwörung rettender Zusammenhänge. So spricht die Staatsanwältin: "Wir müssen begreifen, dass wir im Krieg sind." Und: "Unser Staat ist den größten Gefahren ausgesetzt, und die Welt um uns droht einzustürzen. Aber in dieser Situation gilt es nur umso mehr, dass wir uns auf die Prinzipien des Rechtsstaats verlassen." Deshalb müsse der Angeklagte wegen 164-fachen Mordes verurteilt werden, schließlich habe er 164 Menschen die Menschenwürde genommen. Die Verteidigerin hält dagegen, in dem Plädoyer der Anklägerin werde das richtige Handeln einem Prinzip geopfert. Das dürfe nicht geschehen, weil jeder Angreifer daraus die Lehre ziehen würde, es sei in unserem Staat ein Leichtes, "möglichst viele Unbeteiligte" zu ermorden.

Ferdinand von Schirachs Stück ist dort am besten, wo es den Konflikt auf den Extrakt konzentriert – das Spiel der Argumente, ein Gefecht ohne Berührung. Es ist ein Stück für kleine Besetzung, notfalls ohne Bühnenbild zu spielen und ideal als Gegengewicht zu einer Yasmina-Reza-Zimmerschlacht (welche bei näherem Hinsehen durchaus an ein Justizstück erinnert – zuzüglich neurotischer/erotischer Energie).

Die Übersichtlichkeit des Stücks ist groß. Ohne Nebenhandlung und überraschende Wendung entfaltet Schirach den Konflikt, nämlich die Frage um das richtige oder falsche Handeln. Um eine einzige Handlung geht es ja nur, die in der Verhandlung beschworen wird. Und der Trick, die Zuschauer an der Rechtsfindung zu beteiligen, ist genial. Er lindert die wüstenhafte Trockenheit, die Justizstücke oft haben.

In der Berliner Uraufführung wird diese Trockenheit leider gar nicht ausgehalten, sondern entschlossen weggezwinkert: Es herrscht eine betriebsbedingte schlechte Laune unter den Beteiligten. Der Regisseur Hasko Weber hat Angst, Schirachs Figuren könnten zu sprechenden Statuen verkommen, wenn sie nicht bewegt werden. Also gibt er ihnen Dünkel, Arroganz, Feindseligkeit, um sie in Unruhe zu halten.

Die Regie behängt den Konflikt von Anklage und Verteidigung mit gängigen Dekorationen: dem Mann-Frau-Konflikt (alle Repräsentanten des Gerichts sind in dieser Inszenierung Frauen) und dem Argwohn zwischen Berufsständen, die für sich in Anspruch nehmen, genauer zu denken und der Wahrheit mutiger ins Auge zu blicken als der andere. Der Konflikt zwischen Militär und Justiz verkörpert sich, von der Regie durch ein genervtes "augenrollendes" Spiel verstärkt, in der Vorsitzenden des Gerichts und einem für den Angeklagten aussagenden Stabsoffizier der Luftwaffe. Der hohe Soldat schwärmt von der Präzision des Geschützes, das der Angeklagte bei seiner Tat verwendet hatte, und die Richterin hört verächtlich nicht zu. Eigentlich aber, so will es die Regie, ist die Szene der Konflikt zwischen einem Mann, der von seiner Potenz prahlt, und einer Frau, die sich gegen Männer wie ihn durchgesetzt hat.