Montag, 24. August, 16.43 Uhr. "Hi, Frank, ich habe gerade Interessantes gehört: Der Rest der Anzuchtsgärtnerei wird bebaut. Ein Flüchtlingsheim für 700 Leute soll entstehen. Informiert wurden nur die unmittelbaren Nachbarn."

Dank WhatsApp weiß ich genau, wann mich die Nachricht erreicht hat – nur hatte ich da noch keine Ahnung, was sie bedeutete. Noch vor fünf Wochen konnte ich mir nicht vorstellen, dass einige meiner Nachbarn in unserer Neubausiedlung angesichts der Aussicht, neben einer Unterkunft für Flüchtlinge leben zu müssen, in Tränen ausbrechen würden. Dass sie Klagemöglichkeiten prüfen und dass einige auf die Idee kommen würden, Geschäfte zu boykottieren, deren Inhaber sich für Vertriebene einsetzen. Mein Wohnort Klein Borstel war für mich bis zu diesem Montag nichts weiter als ein Wohlstandsidyll zwischen Alstertal und Ohlsdorfer Friedhof, das durch die Kräfte des Immobilienmarkts die Probleme der Welt draußen hält. Darum habe ich auch nicht lange überlegt, wie ich es finde, dass dieser Ort nun seinen Teil der Flüchtlingskrise tragen sollte.

Mittwoch, 26. August. Spontane Versammlung im Gemeinschaftsraum unserer autofreien Siedlung. Vielen ist unbehaglich angesichts der Größe der geplanten Unterkunft. Doch niemand kann sagen, wohin die Menschen sonst sollen. Außerdem hat sich herumgesprochen, dass Anwohner den Sophienterrassen-Anwalt Gero Tuttlewski engagieren wollen. Ich mache mir Notizen und fasse die Argumente für ein Manifest zusammen, für das wir Unterschriften sammeln. "Angesichts der aktuellen Notlage und der zahlreichen großen Unterkünfte in weniger wohlhabenden Teilen Hamburgs halten wir die geplante Unterkunft in Klein Borstel nicht für ›überdimensioniert‹", heißt es darin. Nicht überdimensioniert: Das zielte auf die hiesige CDU-Abgeordnete, die das Gegenteil behauptet. Gut hundert Erwachsene in den 240 Haushalten des Neubaugebiets unterschreiben. Ich auch.

Die Gegenseite hat immerhin schon einen Mailverteiler. "Ich habe eben mit dem Chefredakteur des Abendblatts Lars Haider telefoniert, der ein Freund von mir ist", schreibt einer. "Er schlägt ein Gespräch von 5–6 frisch Betroffenen mit dem Bürgermeister oder Innensenator vor. Das Ganze würde übernächsten Samstag prominent erscheinen." Ein anderer teilt mit, Anwalt Tuttlewski habe im Neubaugebiet inzwischen 46 Mandanten, "sehr wahrscheinlich ist, dass noch deutlich mehr dazukommen werden".

Mittwoch, 2. September. Deutschland ist ergriffen von der eigenen Hilfsbereitschaft, in Klein Borstel organisieren sich vor Eintreffen der Flüchtlinge schon ihre Unterstützer: Die Initiative "Klein Borstel hilft" eröffnet eine Facebook-Seite.

Donnerstag, 3. September. Wer sind die Helfer, bloß Linke und die Kirchengemeinde? Von wegen: Die Gemeinschaft der lokalen Ladeninhaber schließt sich an. "Wir können die Klein Borsteler verstehen, die Sorgen, Fragen und Bedenken wegen der neuen Situation haben. ABER – eine starke Gemeinschaft und der Zusammenhalt vieler kann die Herausforderungen meistern", schreiben die Geschäftsleute an die Initiative "Klein Borstel hilft".

Freitag, 4. September. Der Heimatverein, der mir bislang nur als Herausgeber eines betulichen Hochglanzhefts aufgefallen war, erklärt: "Heimat ist ein Ort, wo Nachbarn sind, die mich freundlich empfangen. Bei denen ich das Gefühl habe, Mensch zu sein und nicht ein Störenfried. Lasst uns mit diesen Gedanken unsere neuen Nachbarn willkommen heißen."

Unterdessen haben meine autofreien Nachbarn Solidaritäts-T-Shirts bedruckt und auf dem Flohmarkt verkauft. Ergebnis: Mehr als 1000 Euro für die künftigen Bewohner der möglichen Unterkunft.

Mittwoch, 9. September. Eine Kundin erklärt dem Blumenhändler, der eine Wohnung an Flüchtlinge vermietet: Sie werde ihre Blumen in Zukunft woanders kaufen.

Donnerstag, 10. September. Zum ersten Mal treffen sich die Gegner der Unterkunft öffentlich, an die 60 Leute kommen in den Gemeindesaal. Tenor: Man dürfe das Feld nicht den Unterstützern überlassen. Die vielen Solidaritäts-T-Shirts werden hier als Einschüchterungskampagne wahrgenommen.

Dienstag, 15. September. Die Verwaltung stellt in der Aula der Schule ihre Pläne vor. Die Debatte verläuft hitzig, kaum ein Redebeitrag, der nicht durch Unmutsäußerungen der Gegenseite unterbrochen wird. Anwalt Tuttlewski versucht sich als Agitator und wird niedergeschrien.

Mittwoch, 16. September. Die einen engagieren sich, die anderen engagieren einen Anwalt – seit gestern ist allen klar, wie tief gespalten der Ort ist. Auf der Mailingliste geht es hoch her. "Die Anwohner im Umkreis von bis zu 200 Meter haben mit Wertverlusten von 50-100 T€ zu rechnen. Ich habe diese Zahlen mit Hilfe von Engel & Völkers geschätzt. Daraus ergibt sich ein Wertverlust von mindestens 5 Mio. Euro", schreibt einer. Die Rechnung würde ich gerne mal kennenlernen. 700 Flüchtlinge entsprechen einer Schnellstraße oder 0,5 Müllkippen? Bei Engel & Völkers heißt es, ihr Vertreter im Alstertal sei "überrascht und verärgert" von der Behauptung, er habe zu einer solchen Kalkulation beigetragen.