Ein besorgter Blick begleitet inzwischen die Gespräche. "Es kippt", so der Ausdruck der Stunde, wenn es um Flüchtlinge geht, gemeint ist die vermeintliche Abwärtskurve der Stimmung im Land. Die Kuscheltiere und Süßigkeiten, der Applaus am Bahnhof, der Glückstaumel der Medien sind einer abwartenden Skepsis gewichen.

Woher das plötzliche Unwohlsein? Es sind nicht nur die erneuten Brände in Flüchtlingsheimen, der massenhafte Zulauf der Bevölkerung zu den Rechten, die sich mehrenden Auseinandersetzungen unter den Geflohenen selbst oder die schiere logistische Belastungsgrenze, die dieser Tage Angst machen. Es ist das Umschwenken derer, die eben noch so großzügig ihre Herzen und Kleiderschränke öffneten, um den neu in Deutschland angekommenen Menschen zu helfen. Dem vagen Satz der Kanzlerin, "Wir schaffen das!", steht nun ein ebenso vages "Schaffen wir das?" entgegen, nicht obwohl, sondern weil in den vergangenen Wochen so viele Menschen bereit waren zu helfen. Ihre Enttäuschung ist es, vor der man sich fürchtet, sie ist es, die die Willkommenskultur in sich zusammensinken lassen könnte wie eine luftlose Hüpfburg.

Das Problem lauert, wie immer, im Alltag. Der normaldeutsche Aggregatzustand der 2000er, auf den die Flüchtlingskrise traf, war gelähmt von der Langeweile der Wiederholung. Man schämte und beschimpfte sich jahrelang selbst für die eigene Angepasstheit (Generation Merkel), analysierte ergebnislos an ewig gleichen Problemen herum (fehlender Zusammenhalt, zu viel Ich-Management), erinnerte sich pflichtbewusst der Vergangenheit (Opa war eben doch Nazi) und versuchte schließlich, die eigene Verinselung durch den Hauch eines "Wirgefühls" zu überpinseln, das entsteht, wenn ein Land an einem Abend in der Woche reflexartig gemeinsam das Gleiche tut (Tatort anschauen). All dies ergab eine Gemütslage, in der man sich trotz Privilegien etwas leer fühlte, trotz Fair-Trade-Kaffee irgendwie schuldig und trotz Helene Fischer immer noch auf der Suche nach jemandem oder etwas, das alle zusammenhält.

Die Momente, die den Affektstau lösten und die ersehnte Kohäsion schließlich brachten, kamen immer von außen und waren nie von Dauer. Feiernd, ausgelassen, bunt, mitfühlend und hilfsbereit, so konnte sich Deutschland nur zeigen, bis das Sommermärchen vorüber, der Sandsack zu den Flutopfern geschleppt, der Gaucho-Dance vergessen war. Und die Langeweile zurückkehrte.

Die Flüchtlingskrise schien zunächst in dieses Muster zu passen. So eruptiv wie überwältigend war das Engagement, dass die Tweets der privaten und offiziellen Hilfsportale im Wortlaut identisch mit denen während der Flutkatastrophe waren: "Bitte keine Helfer mehr! Danke!" Dem Ansturm von außen – Züge, die Asylsuchende ins Land brachten – stand ein Ansturm von innen – der Überschuss an Hilfe – gegenüber. Im Netz überschlug sich die Begeisterung: Selfies aus der Kleiderkammer und mit dem Flüchtling, der fortan zu den eigenen Facebook-Freunden gehörte – als Maskottchen der eigenen Performanz. "Seht her, das bin ich mit meinem Syrer, um den ich mich ganz persönlich kümmere", sprach der Stolz aus diesen Bildern, endlich einmal ganz eindeutig zu den Guten zu gehören. Das direkte Helfen vor Ort war schließlich das Gegenteil des "Slacktivism", des "Gefällt mir"-Klickens unter politisch engagierten Posts, ohne sich im wirklichen Leben mit einzubringen. Nun wurde geklickt und geholfen, der Realitätshunger gestillt, indem man das entfremdete Vor-sich-hin-Konsumieren durch einen persönlichen Kontakt mit denen ersetzte, die sonst am anderen Ende der Welt ausgebeutet wurden. Im Ausnahmezustand schien die Heilung zu liegen.

"Es könnte wie beim Onlinedating funktionieren", erklärte eine junge Frau begeistert bei Facebook ihre Idee einer virtuellen Plattform, auf der sich Flüchtlinge und Einheimische finden könnten, um einander zu begegnen, Wissen auszutauschen und sich über ihre Lebenssituationen zu verständigen. Es sollten "richtige Vertrauensbeziehungen, die beiden nachhaltig und dauerhaft helfen", aufgebaut werden.

Dauerhafte Hilfe als Selbsthilfe?

Für viele scheint aktuell eine narzisstische Kränkung darin zu liegen, dass die Flüchtlinge nun, nach den ersten großen und glücklichen Aufnahmewellen, immer noch da sind. Als Sehnsuchtsfigur, die gekommen ist, um ein für die Helfenden kathartisches Moment herbeizuführen, dient der Flüchtling auf diese Weise nicht mehr, dazu hätte er nach dem Höhepunkt der Hilfe einfach verschwinden müssen.

Er ist aber immer noch da. Und beginnt, hier zu leben. Von dieser Verwunderung zeugt Innenminister de Maizières harsche Kritik an den Flüchtlingen, die, statt dankbar in ihren Unterkünften auszuharren, anfingen, sich zu prügeln, Essen zu verweigern und in Taxis herumzufahren. Eine schlichte Entrüstung kommt auf, darüber, dass der Flüchtling nun zu einem Akteur wird und Facetten zeigt, die dem hellen Deutschland zu dunkel werden könnten. Darüber, dass Hilfe eben nicht Kontrolle bedeutet und dass es nach dem reinigenden Mitleidsexzess nun doch weitergeht und man einen Alltag finden muss. Einen Alltag, der nicht geprägt ist von Flashmob-artigen Hilfsaktionen, bei denen man nach zwei Stunden Kleidersortieren wieder gemütlich nach Hause gehen kann. Als von der Zivilgesellschaft organisierter Event inmitten einer Ausnahmesituation kann die Hilfsbereitschaft nicht von Dauer sein, jeder, der sich das wünscht, macht es sich zu leicht.

Ob die Stimmung im Land kippt, liegt nicht zuletzt daran, ob die Deutschen irgendwann einmal aufhören können, nur spontan zu helfen, und Institutionen die Arbeit machen lassen. Die Aufgabe der Bevölkerung wäre es dann, sich darauf einzulassen, dass vom diesjährigen Gefühlsausbruch nicht nur ein emotionaler Kater bleibt, sondern Millionen Menschen vor der eigenen Tür.