Die Wahrheit ist, die Idee einer neuen Übersetzung von Vasari entstand wenig pittoresk in einem Hauptseminar der Universität Frankfurt am Main, wo Nova lehrte. Sommersemester 1997. Thema: Vasari. Voraussetzung: perfektes Italienisch. Hielt die Gruppe naturgemäß klein. Eine Handvoll junger Leute schlägt sich also mit den Viten von Leonardo und Giorgione herum. Die deutsche Übersetzung – gut hundert Jahre alt – erweist sich als unbrauchbar. Sie ist elegant, um den Preis vieler Fehler. Sätze wurden auseinandergehackt, die Terminologie ist verschliffen. Die Studenten erarbeiten sich ein Vokabular, als kunsthistorische Referenz, erforschen die zentralen Begriffe der Vasarischen Kunsttheorie, die Bedeutung des disegno, des künstlerischen Entwurfs. Die Sehnsucht nach bellezza, Schönheit, die Unverzichtbarkeit von grazie , Anmut. Und üben sich an einer neuen Übersetzung, in der jetzt einzelne Termini unübersetzt stehen bleiben, wie Streben, die ein Gedankengebäude durchziehen und es so halten. Aus der Studentin Victoria Lorini wird über die Jahre die Übersetzerin Vasaris, und zusammen mit ihren Kommilitonen erwächst um Nova ein Herausgeberteam – Sabine Feser, Matteo Burioni, Katja Burzer, Hana Gründler, zu dem jetzt auch Fabian Jonietz gestoßen ist. "Kommen Sie nach Florenz, sehen Sie, wie wir arbeiten!", hatte Nova vor Jahren einmal gelockt, auch dies – einer dieser Mythen. In Florenz sitzt die Truppe ja nur noch sehr gelegentlich. Matteo Burioni lehrt in München, die Übersetzerin Lorini ist in Rom zu Hause und Katja Burzer in Zürich. Sabine Feser hat es ins Rheinland verschlagen, in Florenz sind nur noch Hana Gründler und Fabian Jonietz. Es ist natürlich Bildschirmarbeit. Das italienische Original der Vite wird heruntergeladen, in einer von Paola Barocchi und Rosanna Bettarini kuratierten Ausgabe (Vite de’ più eccellenti pittori scultori e architettori, 1550 e 1568) . Erste Übersetzung – Austausch von Textproben. Abstimmung über E-Mails und Telefonate. Kommentare fliegen hin und her. Berichtigungen, letzte Korrekturen. Wenn man sich denn tatsächlich trifft, in Florenz, ergibt das ein Klassentreffen-Gefühl auf vertrautem Terrain. In Florenz ist ja fast alles Vasari. Logiert nicht schon das KHI im Casa Zuccari, die einst El Sarto gehörte, der Vasaris Lehrer war und von dem Vasari schrieb, er sei ein Künstler "senza errori" gewesen, ohne jeden Fehler?

Einige Schritte vom Institut entfernt steht an der Piazza della Santissima Annunziata die schöne Wallfahrtskirche, in deren Kreuzgängen del Sarto malte. Linkerhand das erste Waisenhaus der Welt, unter dessen Arkaden unerwünschte Kinder abgegeben werden konnten, die, bevor man in ihnen die Würde des Menschen erkannte, im Arno oder irgendwo am Stadtrand entsorgt wurden. Das Ospedale degli Innocenti wurde von Vincenzo Borghini geleitet, "ein engster Freund von Vasari", sagt Hana Gründler, wie oft sie wohl, ins Gespräch vertieft, in dieser Loggia hin und her gewandelt sind, deren Arkaden Andrea della Robbia mit Medaillons schmückte, auf denen Wickelkinder auf blauem Grund die Ärmchen heben und die Vasari "allesamt wirklich wunderbar" nannte.

Das Ospedale ist ein Geniestreich von Filippo Brunelleschi, dem Erbauer der Domkuppel, welche die Via dei Servi herunter auf die Piazza leuchtet und die Vasari mit Fresken ausgemalt hat. Vom Dom, über dessen Kuppel Vasari sagt, dass der Himmel die Stadt um diese Schönheit beneide, geht es in Richtung Arno, zum Palazzo Vecchio, den Vasari im Auftrag Cosimos zu einem Palast umgestaltete, der die Herrschaft der Medici in Stein meißelte. Neuer, breiter Treppenaufgang, erklärt Matteo Burioni. Die Decke des großen Saales wird von Vasari um sieben Meter angehoben. In diesem Sala dei Cinquecento malt Vasari die goldgerahmten Facetten in einem Tempo aus, das selbst in Florenz irritiert. Verherrlichungsszenen. Cosimo mit Zirkel über dem Plan des eroberten Siena. Es ist der größte Raum dieser Art in Europa – eine Prunkgeste.

Im Rücken des Palasts ebnet Vasari ein Viertel ein, Platz für die Verwaltungszentrale der Medici, die neuen Bürogebäude, Uffizien genannt. Ihre strengen, grauen Bogenfassaden führen, die Strada dei Magistrati scharf verjüngend, auf eine Skulptur des Herrschers zu, die klein gehalten ist, um die Distanz optisch zu maximieren. Dass die Uffizien im Nachhinein die Kunst beherbergen, wie Vasari sie ordnete – ein posthumer Triumph. Noch heute verweisen die Schilder neben Gemälden auf das, was Vasari sagte, was Vasari nicht sagte, wo er irrte, wo er lobte, wen er lobte. Ein eigener Saal für den göttlichen Michelangelo! Dort scharen sie die Bilder ehrfüchtig um eine goldene Monstranz – Tondo Doni, "Heilige Familie mit Jesusknaben", 1506–1508.

Natürlich waren nicht alle mit Vasari einverstanden. Benvenuto Cellini tobte, weil er in den Viten gar nicht vorkam. Cellini war ein Konkurrent Vasaris am Hof von Cosimo, so wie Baccio Bandinelli, dem Vasari so Übles nachsagte, dass es schmerzt. Botticelli wird niedergemacht. Einige der Viten sind sehr karg, andere strotzen mit burleskem Detail, und dann der Schmelz, mit dem er Raffael huldigt. "Die Natur gab ihn der Welt zum Geschenk!" Von Masaccio, der mit 27 Jahren starb, heißt es, ein Epitaph zitierend, er sei hinweggerafft, "von der womöglich neidischen Natur, die sich von der Kunst übertroffen sah".

Vasari als Person bleibt – im Dunkel. Es gibt keine Briefe, keine Tagebücher, nur einen Zettel mit Malernamen. Und Le Vite . Wie also sehen ihn die Leute, die mit diesen Viten Jahre ihres Lebens verbracht haben? Er war, sagt Fabian Jonietz, zuerst mal der 16-jährige Junge, der nach dem Tod des Vaters für eine Familie verantwortlich war, einer, der sich im Machtgefüge der Medici durchkämpfte. Vasari war, sagt Nova, ein Mann, der sich eigentlich nur für Kunst interessierte. Kunst sammelte, Kunst beschrieb, wie keiner vor ihm. Einer, der leidenschaftlich noch die unbedeutendsten Maler erforschte, sagt Matteo Burioni, und ihnen in der Kunst einen Platz gab. Er hat sich inmitten der künstlerischen Elite platziert, sagt Katja Burzer, und verweist auf den Fries mit Porträts der großen Meister, mit denen Vasari sein Künstlerhaus in Santa Croce schmückte. Dazu die Szenen aus der Mythologie, die auf zentrale Begriffe zulaufen, sagt Hana Gründler – etwa Gyges, der Lydier, der seinen Schattenriss zeichnet – voila: die Geburt der Kunst aus dem disegno, dem geistigen Entwurf. Das also ist der Denker Vasari.

Die Viten entwerfen auch einen neuen Menschen. Er steht mit einem Bein noch im Höfischen, er muss sich einschmeicheln, aber er hat schon die unerbittliche Arbeitsamkeit der Moderne. Michelangelo – fiel ins Bett, ohne sich auch nur auszuziehen! Morgens schnell weiterarbeiten! Keine Zeit vergeuden! Hier ist schon das Tempo, die gnadenlose Selbstoptimierung. Konkurrenz ist angesagt. Melancholie? Führt zur Überspanntheit. Liebeslust? Macht unproduktiv! Erwünscht war aber auch, sagt Victoria Lorini: die Güte des Herzens. Liebenswürdigkeit. Großzügigkeit. Nun, darin war wohl Vasari, vor 500 Jahren, der Moderne auch voraus.