Daisy Hartnett steht an der Bar des Midland Hotel in Manchester und beschreibt, wie es sich anfühlt, wenn man vom Sieg überrascht wird. "Das kribbelt so", sagt die 32-jährige Tierärztin aus Newcastle. "Erst oben im Nacken, den Rücken entlang und weiter bis in die Fußspitzen." Daisy Hartnett erlebte dieses Glücksgefühl in der Nacht auf den 8. Mai, als klar wurde, dass ihre Konservative Partei bei den Parlamentswahlen die absolute Mehrheit gewonnen hatte. Am vergangenen Sonntag an der Bar feierten sie und andere Delegierte der Tories den Sieg noch einmal, beim ersten Parteitag der neuen Regierung.

Eine Regierung, die kaum jemand für möglich gehalten hatte. In der Downing Street konnte David Cameron bis zum Wahltag nur hoffen, Premierminister zu bleiben. Und dann, nach fünf Jahren Koalition mit den Liberaldemokraten, gewannen seine Konservativen plötzlich so hoch, dass sie jetzt allein regieren können – wie zuletzt bis 1997.

Als Cameron 2010 eine Koalition mit den Liberaldemokraten einging, war die Marschrichtung klar. In der Rezession nach dem Finanzcrash kürzte Finanzminister George Osborne die Staatsausgaben um 19 Prozent. Es war eine haushaltspolitische Vollbremsung, bei der jedes Ressort ein Schleudertrauma erlitt. Dafür konnte Osborne das Defizit beinahe halbieren und in den folgenden Jahren ein durchschnittliches Wirtschaftswachstum von zwei Prozent verkünden. Was Wirtschaftskompetenz angeht, hatten die Tories damit einen Vertrauensvorsprung vor Labour gewonnen. Den verspielten sie auch nicht, als Cameron und Osborne im Wahlkampf weitere Einsparungen versprachen, um den Schuldenberg bis 2019 endgültig abzutragen.

Vor diesem Hintergrund war der Sieg der Konservativen im Mai nichts anderes als der Sieg der bürgerlichen Vorsicht bei der Führung des Haushalts. In Wirklichkeit haben sich die Briten für einen radikalen Umbau der Gesellschaft entschieden. Osborne will in den nächsten drei Jahren weitere 20 Milliarden Pfund einsparen. Der Staat zieht sich in fast allen Bereichen des öffentlichen Lebens zurück und erzwingt so den radikalen Umbau seiner Institutionen. Vor dreißig Jahren veränderten die Tories unter Margaret Thatcher die britische Gesellschaft nachhaltig. Möglicherweise wird Cameron der nächste Tory, der erneuert statt bewahrt.

Die Kommunen fürchten um Bibliotheken, Bäder und Spielplätze

Die neue Welt der Konservativen hat nur ein simples Leitmotiv: Weniger Staat, mehr Eigenverantwortung. David Camerons ehemaliger Chef-Stratege, Steve Hilton, räumt ein, dass das zunächst abgegriffen klingt. "Die Idee gibt es seit über zweihundert Jahren, und sie wurde Teil des staatsphilosophischen Fundaments der britischen Konservativen Partei." Doch sei es im 20. Jahrhundert keinem Tory-Premier gelungen, sie politisch wirklich umzusetzen. "Selbst unter Thatcher blieb die Staatsquote vergleichsweise hoch", sagt Hilton. Seit die Rezession den Abbau des Staates jedoch geradezu erzwang, sei die Uridee relevant wie nie. "Zu Beginn des 21. Jahrhunderts gibt es überall Institutionen, die zu groß geworden sind und damit ihre Menschlichkeit eingebüßt haben", argumentiert er. "Banken wurden so gigantisch, dass sie die Bodenhaftung verloren und schließlich zusammenbrachen, Google und Facebook sind mächtiger als die Politik, und Labour hatte den Staat aufgeblasen, bis er so ineffizient war wie die Wirtschaft in der DDR."

Die Konsequenz: Unter der Anleitung von Hilton dezentralisierte Cameron den Staat und trat Entscheidungsgewalt an die demokratische Basis ab. Ein Beispiel sind die neuen regionalen Gesundheitsbehörden, die finanziell weitgehend eigenständig operieren können, sich aber dem Wettbewerb mit dem Privatsektor bei der Vergabe von Verträgen stellen müssen. Zwar sanken so die Personalkosten um eine Milliarde Pfund im Jahr, denn in der Verwaltung konnten mit einem Schlag 21.000 Jobs gestrichen werden. Gleichzeitig brach aber auch die Qualität der medizinischen Versorgung ein. Mehr als die Hälfte der 147 englischen Gesundheits-Trusts mit Eigenverantwortung steht vor der Pleite.