Mit der Eitelkeit eines Stars ist Helen Feng nicht gesegnet. Gleich bei der Begrüßung weist sie darauf hin, dass sie ungern über sich selbst redet, eine Biografie habe schließlich jeder. Jetzt sitzt sie im Büro ihrer Berliner Plattenfirma und windet sich angesichts der Etiketten, die ihr aufgeklebt wurden. "Ein hell leuchtendes Licht in Pekings Musikszene", schrieb der britische "Guardian", "Pekings Indie-Superstar" nannte sie das Musikmagazin "Vice". Solche Komplimente lässt sie ungern auf sich sitzen. Sobald es aber um ihre Musik und deren Hintergründe geht, redet sie sturzbachartig.

DIE ZEIT: Helen, Sie sind Chinas einzige über die Landesgrenzen hinaus erfolgreiche Popmusikerin. Erstaunlich, wenn man bedenkt, wie viele Chinesen es gibt.

Helen Feng: Ja, da besteht ein enormes Missverhältnis. Wir sind ein Volk von über einer Milliarde Menschen. Wenn man den gesamten asiatischen Raum hinzunimmt, hat etwa die Hälfte der Weltbevölkerung eine gelbe Hautfarbe. Wirtschaftlich kommt keiner an uns vorbei, kulturell sind wir, vorsichtig ausgedrückt, stark unterrepräsentiert.

ZEIT: Die meisten kennen bloß Ai Weiwei.

Feng: Nichts gegen Ai Weiwei, er hat wunderbare Sachen gemacht. Die Zeit wird zeigen, was an seinem Werk Werbung in eigener Sache ist und was darüber hinausgeht. Trotzdem schade, dass so wenig Interesse an allem anderen besteht.

ZEIT: Warum ist das so? Der Westen sucht doch ständig nach Auffrischung von den Rändern.

Feng: Kann sein, aber er tut es nach seinen eigenen Bedingungen. Egal, wie global die Wirtschaft heute agiert, in der Popmusik bestimmt noch immer Angloamerika das Bild. Schwarze Künstler sind seit einiger Zeit akzeptiert, neuerdings auch ein paar Latinos, wir Asiaten sind es nicht. Die Ironie ist: Wir akzeptieren uns selbst nicht. Nach Jahren und Jahrzehnten der Gehirnwäsche ist unser Geschmack fremdbestimmt.

ZEIT: China ist ein popmusikalisches Entwicklungsland.

Feng: Absolut. Bildlich gesprochen sind wir wie ein Kind, das gerade laufen lernt. Ein paar Schritte kann es sich aufrecht halten, dann fällt es wieder hin. Es ist eine Lernphase, in der wir uns befinden. Auf China trifft das doppelt zu, weil die Folgen der Kulturrevolution noch immer zu spüren sind: Niemand interessiert sich für die Tradition, alles, was von außen kommt, gilt als gut. Ich habe Verständnis dafür, wenn die Leute sagen: Hey, ihr Asiaten seid aber ziemlich unoriginell. Es geht erst einmal um das Aufsaugen von Einflüssen.

ZEIT: Wie passt der Koreaner Psy dazu? Das Video zu Gangnam Style wurde millionenfach geklickt, mehr als jeder Gangsta-Rap-Song.

Feng: Der ist das beste Beispiel für das, was ich gerade gesagt habe. So koreanisch ist Gangnam Style nämlich gar nicht. Zieht man das bisschen Exotik ab, das vor allem über den Tanzstil vermittelt wird, und denkt sich das Ganze auf Englisch, kommt ziemlich exakt ein westlicher Pophit heraus. Ein Stück Eurotrash aus den Neunzigern vielleicht. Der Song erinnert mich an den Trend zu Schönheitsoperationen, der gerade von Korea nach China schwappt: Alle wollen sie eine hohe Nase, ein schmales Gesicht, ausgeprägte Wangenknochen – lauter Merkmale, die nicht spezifisch asiatisch sind.

ZEIT: Sie sind in Peking geboren, in den USA und Kanada aufgewachsen und als Sechsjährige mit Ihren Eltern nach Peking zurückgekehrt. Warum singen Sie nicht auf Mandarin?

Feng: Ich fühle mich im Englischen einfach wohler. Um ehrlich zu sein: Chinesische Schriftzeichen zu lesen strengt mich an, ich arbeite noch heute mit phonetischen Transskriptionen. Aber ich singe manchmal auch auf Mandarin, mündlich hat Mandarin einen interessanten Flow. Es ist eine Art Kauderwelsch, das ich auf einigen Stücken vor mich hin brabble. Vielleicht werde ich mich in diese Richtung weiterbewegen.

ZEIT: Wie stark ist das chinesische Element in Ihrer Musik?

Feng: Was meine Band Nova Heart anbelangt: Wir sind vier Leute, die den größten Teil ihres Lebens in China verbracht haben. Insofern haben wir den gleichen Erfahrungshintergrund wie die meisten in unserem Publikum. Wenn uns das "chinesisch" macht, bitte schön. Was mich selbst anbelangt: Ich singe einfach von Dingen, die mich beschäftigen, und hoffe, dass andere da draußen etwas damit anfangen können. Deswegen bin ich aber keineswegs auf ein Land festgelegt, und mit musikalischen Schubladen kann ich sowieso nichts anfangen. Ich bin kein "Chink", ich bin ein Mensch. Ich komme halt nur zufällig aus China.

ZEIT: Auf Ihrer Homepage lese ich, der Sound von Nova Heart rufe "Bilder von nackten Geistern" hervor, "die in einem heruntergekommenen Ballsaal in einer zum Abriss freigegebenen Pekinger Gasse vor sich hintanzen".

Feng: Wirklich? (lacht) Auf was war ich da gerade? Nein, im Ernst, das habe nicht ich geschrieben, es ist das Ergebnis professioneller Pressearbeit. Daran ist nichts verkehrt, Musik ist heutzutage eine Industrie. Da sind griffige Bilder gefragt.

"Romantische Rette-mein-Leben-Musik"

ZEIT: Wie beschreiben Sie selbst Ihre Arbeit?

Feng: Es geht um Verletzungen, um Ängste. Es geht um die Sehnsucht nach Antworten und zugleich darum, dem Schmerz über das Ausbleiben einer Antwort Ausdruck zu verleihen. Romantische Rette-mein-Leben-Musik vielleicht? Oder Ich-will-rebellieren-hab-aber-auch-keine-Lösung-Musik? Die Wahrheit ist: Ich weiß oft selbst nicht, wovon meine Texte handeln, ich lasse einfach Wörter aus mir herausfließen, bringe sie in eine gewisse Ordnung und schau mir das Ergebnis an. Es hat was ziemlich Freudianisches.

ZEIT: Warum machen Sie keine Lass-uns-die-Welt-mit-Musik-verändern-Musik? Oder wenigstens Beweg-deinen-Hintern-dein-Bewusstsein-wird-folgen-Musik?

Feng: Weil das anmaßend wäre. Wenn es um Führungsansprüche geht, drehen die Leute ihre Regler heute automatisch auf null. Das gilt nicht nur für China, aber in China ist es besonders stark zu spüren. Früher gab die Partei die Antworten vor, das hat offensichtlich nicht funktioniert. Dann kam das Geld, aber der Konsumrausch hat neue Fragen geschaffen. Jetzt, wo die erste Welle vorbei ist, versuchen manche, vegan zu leben: Schaut her, ich bin ein besserer Mensch, ich esse kein tierisches Fett! Das alles ist kein Ersatz für die Sicherheit, die Religion oder Nationalismus einmal boten. Die neue Generation bewegt sich in einem Vakuum: Es gibt keinen Kompass mehr, der uns die Richtung vorgibt.

ZEIT: Klingen Ihre Songs deshalb so düster?

Feng: Meine Songs sind ein Spiegel der allgemeinen Unsicherheit. Der Ansatzpunkt ist aber immer individuell. Man verliebt sich, kommt zusammen, hat vielleicht ein Kind. Man kratzt ein bisschen was zusammen, kriegt Probleme, trennt sich wieder. Möglicherweise hat man danach noch mehr Probleme, weil man jetzt arm ist. Die ganz alltäglichen Krisen eben. Machen wir uns nichts vor: Der Verlust der Fähigkeit, für irgendetwas Opfer zu bringen außer für uns selbst, hat uns an den Rand der Apokalypse geführt. Das ist kein schöner Befund, aber so ist die Situation nun mal. Früher habe ich gedacht, meine Musik richtet sich hauptsächlich an schwule Männer. Inzwischen weiß ich: Ich singe für die Verwirrten.

ZEIT: Frühere Generationen chinesischer Popmusiker plagten noch andere Probleme. Cui Jian etwa bekam es aufgrund seiner Texte mit der Zensur zu tun.

Feng: Ah, jeder erwähnt immer noch Cui Jian. Das freut mich, denn ich habe den Eindruck, dass er einer von den Guten ist. Die Garde älterer Musiker erlebt gerade ein Comeback. Es ist ein bisschen wie im Westen: Im Nachhinein ist ihr Erfolg größer, als er zu ihrer Blütezeit je war. Damals kannten sie nur wenige, inzwischen sagt jeder: Dieser eine Song da, Mann, der hat’s auf den Punkt gebracht. Besonders beliebt ist eine Zeile der Metal-Band Tang Dynasty, die übersetzt lautet: Wir sind alle Pflastersteine. Der Satz sagt viel aus über das, was die ältere Generation geleistet hat: Sie hat den Boden für das Kommende bereitet. Ich hoffe, dass ich eines Tages auch ein Pflasterstein sein werde. (lacht) Trotzdem halte ich nichts davon, nur zurückzublicken. Unsere Generation muss ihren eigenen Weg finden.

ZEIT: Haben Sie selbst Erfahrungen mit der Zensur?

Feng: Ich wünschte, ich könnte Ja sagen, es würde mich interessanter machen. Aber nein, damit kann ich nicht dienen. Meine Sachen sind einfach nicht so leicht festlegbar. Also kümmert es keinen, was ich tue oder lasse. Ein bisschen anders ist das, wenn ich als öffentliche Person auftrete, in Interviews für das Radio oder Fernsehen. Wirklich angeeckt bin ich trotzdem nicht. Ich bin gut darin, mich rauszureden. (lacht)

ZEIT: An welchem Punkt gehen die Erfahrungen auseinander?

Feng: Zunächst einmal: Die Generation Cui Jians kam direkt aus dem Chaos. Als er sich dafür entschied, Musiker zu werden, war die Kulturrevolution gerade erst vorbei. Gleichzeitig gehörte er der privilegierten Klasse an, sein Vater war ein hohes Tier im Kulturbetrieb. Diese Schicht hatte, anders als der breite Rest, ungehinderten Zugang zur westlichen Kultur. Und weil die Gruppe so winzig klein war, glaubte damals jeder, es mit Göttern zu tun zu haben, die vom Berg herabgestiegen sind, um ihr Wissen unters Volk zu streuen. So groß die Sehnsucht nach Antworten ist, das funktioniert heute nicht mehr.

ZEIT: Weil sich inzwischen auch in China jeder durchs Internet klickt?

Feng: So ähnlich, aber komplizierter. Das Internet hat bei Leuten meines Alters und denen, die danach kamen, eine leicht unheimliche Form der Demokratisierung hervorgebracht: Informationen sind nicht länger geheim, doch es gibt zu viele davon. Während unser Zugang zum Wissen also leichter geworden ist, hat die Fähigkeit, es zu verarbeiten, abgenommen. Das macht es ja gerade so sinnlos, sich mit irgendwelchen Slogans vor sein Publikum zu stellen. Was den Jüngeren fehlt, sind keine Botschaften, es ist der Sinn für Zusammenhänge.

"Rockstars sind Teil des Problems"

ZEIT: Wenn sie für Botschaften empfänglich wären, was würden Sie ihnen raten?

Feng: Vertraut auf euch selbst. Kommuniziert miteinander. Glaubt nicht an Rockstars.

ZEIT: Sie sind ein Star, der gegen Stars ist?

Feng: Rockstars sind ein Haufen Arschlöcher. Wir haben es geschafft, die uninteressantesten Menschen des Planeten in den Rang von Top-News-Lieferanten zu erheben: Jeder interessiert sich für ihre Klamotten, ihre Implantate, die lächerlichen Namen, die sie ihren Kindern geben. Glauben Sie mir, ich weiß wovon ich rede, ich habe genug von der Sorte kennengelernt: Rockstars sind Teil des Problems, nicht die Antwort.

ZEIT: Die Entwicklung in China gilt als Versuch eines Kapitalismus ohne Demokratie. Ist die chinesische Musikindustrie Teil davon?

Feng: Ich habe den Eindruck, dass das auf die Situation vor acht Jahren zutraf. Zu der Zeit haben unabhängige Filmemacher Leute auf der Straße nach ihrem Verhältnis zum Staat befragt. Das Ergebnis war niederschmetternd. Demokratie stellte für die Leute keinen Wert dar, alles, was sie beschäftigte, waren ihr Auto, ihr Haus, ihr Job. Inzwischen hat sich das Land aber noch einmal massiv verändert. Wenn Sie heute mit einem Taxifahrer über Demokratie reden, wird er zumindest eine Meinung dazu haben. Die meisten sagen sogar offen, dass das Ein-Parteien-System nicht gut für China ist. Hinzu kommt, dass über soziale Sicherheit, Arbeiterschutz und Mindestlöhne diskutiert wird: Man stellt neuerdings Ansprüche an seine Führung. All das läuft unter "sozialistisch". Sozialismus hin, Sozialismus her, das Wort Sozialismus ist sozusagen ins nationale Mantra zurückgekehrt.

ZEIT: Im Parlament sitzt trotzdem die alte Garde.

Feng: Stimmt. Aber auch die repräsentativen Demokratien des Westens sind in der Krise. Man muss nur einen Blick in Barack Obamas Gesicht werfen. Nach zwei Amtszeiten wirkt er wie ein müder alter Mann. Jeder spürt das, jeder sieht das: Amerika ist ein gefallenes Reich. Deshalb kommt es mir überholt vor, seine Hoffnungen auf einzelne Volksvertreter zu richten, das Parteiensystem blockiert jede echte Veränderung. Meine Hoffnungen sind auf eine direktere Form von Demokratie gerichtet. Dabei spielen Informationstechnologien die entscheidende Rolle. Den Fluss der Information kann niemand aufhalten. Das ist unsere Chance. Ich denke, China ist auf seine Weise auf dem Weg in die Demokratie.

ZEIT: Nach allem, was Sie zuvor gesagt haben, ist das nun eine sehr positive Wendung.

Feng: Ich weiß. (lacht) Es glaubt mir auch keiner. Die Wahrheit ist: Solche Einschätzungen sind in einem hohen Maß spekulativ. Viel Macht befindet sich in China noch immer in der Hand einflussreicher Familien. Oft hängt es an Einzelpersonen, ob etwas blockiert oder durchgewunken wird. Das macht es schwer, Entwicklungen vorherzusagen. Wohin die Reise geht, wissen wir erst, wenn der letzte der großen Tiger tot ist.