"17.000 Inseln der Imagination" – unter diesem Motto steht die indonesische Gastlandpräsentation auf der Frankfurter Buchmesse. Zutreffender wäre allerdings gewesen: "17.000 Inseln und eine Handvoll Bücher". Dieser Auftritt ist ein Desaster, und zwar weil es kaum etwas auf Deutsch zu lesen gibt. Wie kann es sein, dass ein Land mit 252 Millionen Einwohnern kaum mehr als fünf neu übersetzte (und nicht von irgendwelchen Backlists gekratzte) Romane präsentiert? Als 2011 Island Buchmessen-Gast war, wurden etwa zweihundert Lizenzen an deutsche Verlage verkauft. In Island leben nur so viele Menschen wie im Berliner Stadtbezirk Neukölln. Da muss also diesmal etwas schiefgegangen sein.

Allein der wild über die Stadtgrenzen hinausgewucherte Ballungsraum Jakarta ist Heimat von dreißig Millionen Menschen. Als hätte ein Riese im Tropenfieber all diese Hochhausklötze und verschlungenen Betonüberführungen einfach irgendwo abgesetzt und die restliche Fläche dann mit vielspurigen Autostraßen gepflastert: Wer sich einmal zwei Stunden lang durch den Stau dieser gigantischen Bausünde geschoben hat, ist wenigstens darüber erleichtert, dass man hier auch deutliche Verspätungen mit Lässigkeit hinnimmt. Die Indonesier haben dafür den Begriff "Gummizeit" erfunden.

"Wir sind einfach sehr viele, wir Indonesier", erklärt die Schriftstellerin Laksmi Pamuntjak schulterzuckend und lenkt das Gespräch auf ihr eigentliches Thema: "Aber obwohl wir so viele sind, werden sie kaum jemand finden, durch dessen Familie oder engsten Freundeskreis sich nicht die Blutspur unserer Geschichte zöge." Davon hatten wir schon gelesen: Die an den Militärputsch von 1965 anschließende Kommunistenjagd kostete nach aktuellen Schätzungen innerhalb eines Jahres eine Million Menschen das Leben. Danach war General Suharto bis 1998 an der Macht. Als so hartnäckig entpuppte sich die Orde Baru ("Neue Ordnung"), die auf den Genozid folgte. Kann sich eine Gesellschaft nach kaum zwei Jahrzehnten von einem solchen Trauma erholen?

Wir berichten der Schriftstellerin von einer Beobachtung des Vorabends: Da hatten wir uns auf einem Platz in der sogenannten Altstadt über eine Volksbelustigung gewundert. Eine riesige Menschentraube hatte sich um ein Straßenspektakel gebildet, aber die Menschen interessierten sich weniger für die Feuerschlucker und die Gamelan-Musiker. Ein uniformierter Mann zog vielmehr die Blicke auf sich, mit einer Peitsche auf eine Gruppe unterwürfig kniender Menschen einschlagend und diese dabei nur knapp kunstvoll verfehlend. Das hatte die Leute sehr amüsiert.

Laksmi Pamuntjak ist westlich genug geprägt, um die Irritation zu verstehen. Auf dem Konzertflügel ihres Wohnzimmers sind die Noten eines Ravel-Konzerts aufgeschlagen, hinter den bodentiefen Fenstern schwitzt der gestutzte Vorgarten in der Nachmittagshitze. Die Schriftstellerin bietet Weißwein an, aber den trinken wir erst später, in der Bar eines von ihr mitgegründeten Buchladens. Zwanzig Jahre, erzählt Laksmi Pamuntjak, sei es nun schon her, dass sie auf ein Musikstudium in Amerika verzichtet und damit einem Wunsch ihrer Eltern nachgegeben habe. Die hatten Angst, dass die Tochter dort unter die Haube kommen und nie wieder nach Indonesien zurückkehren würde. So habe sie eben ihre zweite Leidenschaft, das Schreiben, zum Beruf gemacht. Pamuntjak hat Gedichtbände veröffentlicht und soeben ihren zweiten Roman, bislang aber nur auf Indonesisch. Außerdem ist sie in den großen Wochenmagazinen und Tageszeitungen des Landes, darüber hinaus auch im englischen Guardian, als Rezensentin und politische Essayistin zu lesen.

Laksmi Pamuntjak sieht aus wie ein Filmstar und lebt das Leben einer in ganz Indonesien bekannten Starautorin. Sie hat aber als Argument gegen jeden Oberflächlichkeitsverdacht ihren Debütroman in der Hand: Er heißt Alle Farben rot (Ullstein, übersetzt von Martina Heinschke, 672 S., 24,– €). Vieldeutig verweist dieser Titel auf das Blutvergießen des Genozids und den unter Suharto zum Erzfeind erklärten Kommunismus. So viele Farben rot, so viele Motive der Niedertracht und der Leidenschaft und so viele biografisch-psychologische Widerstände gegen die ideologische Verbiesterung, die im Roman als größtmögliches historisches Übel erscheint. Hat das auch etwas mit dem Straßenkünstler zu tun, der seine Peitsche gestern wie ein Lagerkommandant geschwungen hatte? "Die Menschen lachen darüber nicht aus Freude", vermutet Laksmi Pamuntjak. "Eher aus Verlegenheit. Ihr Lachen ist eine Maske, hinter der sie ihre Scham und Schuld verstecken."

Pamuntjaks Roman erzählt eine indonesische Romeo-und-Julia-Geschichte. Es ist die Geschichte von Amba und Bhisma, die sich als Studenten im javanischen Yogyakarta eigentlich für immer verliebt hatten und doch nur einen Sommer zusammenbleiben konnten. In der Rahmenerzählung bekommt die Tragödie Kontur: 2006, also fast vier Jahrzehnte später, reist die in die Jahre gekommene Amba auf die berüchtigte Gefangeneninsel Buru. Ein Unbekannter hatte ihr mitgeteilt, dass auch Bhisma, dem sie damals im studentischen Tumult gewaltsam entrissen wurde, dorthin deportiert worden sei. Der Roman geht aus der Rückschau und auf dem Erzählvehikel einer tragischen Liebesgeschichte noch einmal zurück auf die Schicksalsdaten des Landes. Ihre Präzision verdankt Pamuntjak dem ausgiebigen Studium der nach Suhartos Sturz im Jahr 1998 veröffentlichten Erinnerungen von Lagerinsassen. Ihre Tiefe entfaltet sie durch den Dopplungseffekt mit einem in Indonesien jedermann geläufigen Mythos. Amba und Bhisma – genau wie die Romanfiguren heißen im Mahabharata die Helden einer ebenfalls in Blut und Tränen endenden Dreiecksgeschichte.