Und plötzlich ist alles anders: Wladimir Putin lässt seine Bomber über Syrien aufsteigen.

Nahezu zeitgleich planen die USA eine neue Front im Nordosten des Landes. Im Visier: Rakka, die Hauptstadt des "Kalifats", das der "Islamische Staat" (IS) im Sommer 2014 ausgerufen hat.

Zwei Großmächte, zwei Koalitionen, zwei Offensiven gegen den IS: Macht die Welt jetzt Ernst mit dem Kampf gegen die Terrorgruppe?

Bisher sind alle Versuche, dem IS ein Ende zu bereiten, kläglich gescheitert. Reporter der ZEIT haben auf der Suche nach den Gründen in den USA, in Europa und im Irak recherchiert, haben Menschen im IS-Gebiet interviewt, mit Militärs, Diplomaten und Terrorexperten gesprochen.

1. Wofür und wogegen Putin kämpft

Talbise, 6. Oktober 2015: "Kann jetzt nicht sprechen", schreibt Firas al-Said über Facebook. "Gerade sind wieder Kampfbomber in der Luft."

Eine halbe Stunde später gibt er Entwarnung: Dieses Mal haben die russischen Flugzeuge keine Bomben abgeworfen.

"Vorgestern griffen sie um acht Uhr morgens an", berichtet Al-Said. "25 Einschläge, zwei Tote und über 20 Verletzte."

Wurden IS-Stellungen getroffen?

"Hier gibt es keinen IS", sagt Al-Said. "Die letzten IS-Kämpfer sind 2014 aus der Region verschwunden."

Talbise, wenige Kilometer nördlich der syrischen Stadt Homs gelegen, wird seit 2011 von der Freien Syrischen Armee kontrolliert, die 70.000 Einwohner haben sich in einer lokalen Selbstverwaltung organisiert. Al-Said gehört zu deren Medienkomitee.

Als der russische Präsident Wladimir Putin vor zehn Tagen vor den Vereinten Nationen den Anti-Hitler-Pakt des Zweiten Weltkrieges beschwor und eine Anti-Terror-Allianz in dessen Geiste ausrief, da dachte alle Welt, Putin meint den IS. So verstanden es auch die Amerikaner.

Mittlerweile ist klar, dass Putin eine andere Agenda verfolgt. Er behauptet zwar nach wie vor, den IS bekämpfen zu wollen. Aber nur an der Seite des syrischen Machthabers Baschar al-Assad, der den meisten Mitgliedern der US-geführten Koalition als Schlächter gilt, verantwortlich für die Mehrzahl der über 250.000 Toten im syrischen Bürgerkrieg.

Vor Beginn der russischen Intervention hatte es vertrauliche Gespräche zwischen amerikanischen und russischen Militärs und Diplomaten gegeben. Die Amerikaner hatten wenig Einwände gegen russische Bomben auf IS-Ziele. Problematisch werde es allerdings, sagten sie den Russen, sollten deren Bomber auch andere, gegen Assad kämpfende Gruppen angreifen.

Genau das geschieht derzeit: Die russischen Luftschläge richten sich vor allem gegen Stellungen von Anti-Assad-Rebellen. Moskau attackiert ausgerechnet jene Kämpfer, die dem IS im vergangenen Jahr einiges an Territorium abgenommen hatten. Die russische Regierung folgt Assads Deutung: Terrorist ist, wer sich mit der Waffe in der Hand gegen das Regime stellt.

Das ist ein fundamentaler Unterschied zur Sichtweise der westlich-arabischen Koalition. Für Putins Eingreifen in Syrien gibt es vier Gründe – und der IS ist nicht der dringendste.