1989 wurde Juncker zum ersten Mal Finanzminister, von 1995 bis 2013 war er Regierungschef, fast zwei Jahrzehnte lang. Es sind die Jahre, in denen aus dem ehemaligen Stahlrevier endgültig ein Umschlagplatz der internationalen Finanzwelt geworden ist. Juncker legt Wert darauf, dass Steuerabsprachen per se nicht illegal sind und auch in anderen Ländern der EU praktiziert werden. Das stimmt, aber kaum ein anderes Land ist so weit gegangen wie seines. "Luxemburg ist der Inbegriff der Steueroase, die in sämtlichen Stadien der internationalen Vermögensverwaltung präsent ist und von allen anderen Finanzplätzen genutzt wird", schreibt der französische Wirtschaftswissenschaftler Gabriel Zucman in seinem Buch Steueroasen. Dafür habe das Land seine Souveränität vermarktet: Es "verkaufte multinationalen Konzernen der ganzen Welt das Recht, selbst über ihre Steuersätze, gesetzlichen Auflagen und rechtlichen Verpflichtungen zu bestimmen". Ein Geschäftsmodell zulasten Dritter, denn die Steuern, die Amazon, Ikea & Co. in Luxemburg erlassen werden, zahlen sie auch in keinem anderen Land der Europäischen Union.

Doch Juncker will von diesen Methoden nichts gewusst haben. Er sei "kein Freund des Großkapitals", sagt er. Die Diskussion um LuxLeaks erschüttert nicht nur den Mythos des großen Europäers Juncker, sondern auch das Bild des Christsozialen, der für die kleinen Leute ficht. Aus dieser Erschütterung rührt die Dünnhäutigkeit, mit der Juncker auf die Veröffentlichungen reagiert.

Allerdings, in das Bild des Ahnungslosen will nicht so recht passen, dass er als junger Regierungschef bereits 1997 einen Bericht zur Steuerhinterziehung im Großherzogtum in Auftrag gegeben hatte. Noch weniger passt, dass der Autor, der damalige Abgeordnete Jeannot Krecké, vor der Veröffentlichung des Reports eine Seite entfernt hat. Es ist ausgerechnet die Seite, die sich mit den umstrittenen Tax-Rulings befasst.

Als ihn der linke Abgeordnete Fabio de Masi darauf anspricht, entgegnet Juncker, er habe damals von dieser Seite nichts gewusst. Ausdrücklich erwähnt er, dass er noch am Vortag mit Krecké telefoniert habe. Dieser hatte allerdings schon vorher berichtet, er habe Juncker bei der Übergabe seines Reports 1997 sehr wohl auch über die fehlende Seite informiert. Bei dieser Aussage bleibt er, auch nach Junckers Auftritt im Ausschuss. Für ein paar Tage steht damit der Verdacht im Raum, der Kommissionspräsident könnte das Parlament belogen haben. Schließlich muss Juncker seine Aussage korrigieren. Am 29. September schreibt er an Fabio de Masi: Er könne sich zwar nicht "an diesbezügliche Vorgänge aus dem Jahr 1997" erinnern. Aber: "Dass Sie angesichts der Zeitabläufe Zweifel haben konnten an meiner Darlegung, kann ich objektiv und retroaktiv nachvollziehen. Dafür, dass dieser falsche Eindruck entstehen konnte, habe ich mich zu entschuldigen." Auch die inkriminierte Seite, die unauffindbar war, wird nun veröffentlicht. Präzise beschreibt Krecké darin die Praxis des Tax-Rulings und warnt vor dem "negativen Effekt". Den zuständigen Minister, also Juncker, fordert er auf, "derartige ›Absprachen‹ etwas näher zu verfolgen".

Erst begegnet Juncker Abgeordneten mit Hochmut, dann "präzisiert" er seine Aussagen, um sich schließlich kleinlaut zu entschuldigen: Hätte sich ein nationaler Regierungschef so verhalten, stünde die Forderung nach seinem Rücktritt längst im Raum.

Doch Juncker kann sich darauf verlassen, dass ihn die Mehrheit der Abgeordneten im Europaparlament fast bedingungslos unterstützt. Juncker ist ihr Präsident, sie haben ihn nach der Europawahl im vergangenen Jahr an die Kommissionsspitze gehievt, gegen den Willen einiger Regierungschefs, unter ihnen Angela Merkel. Nun sind sie befangen in ihrem eigenen Erfolg.

Als Grüne und Linke einen echten Untersuchungsausschuss zu LuxLeaks forderten, haben Christ- und Sozialdemokraten das verhindert. Vor allem Martin Schulz hat alle Hebel in Bewegung gesetzt, um größeres Unheil von Juncker abzuhalten. Der Parlamentspräsident und der Kommissionschef sehen sich als Tandem an der Spitze einer unausgesprochenen großen Koalition in Brüssel. Der Sonderausschuss verfügt nur über sehr begrenzte Rechte. Bis heute müssen Theurer, Giegold und de Masi zäh um jedes Dokument und jede Auskunft ringen. Gäste können, müssen aber nicht erscheinen. Von 18 Unternehmen, die die Abgeordneten eingeladen haben, sind überhaupt nur vier Vertreter in Brüssel erschienen. Bezeichnend ist das Verhalten von Ikea: Statt den Abgeordneten im Ausschuss Rede und Antwort zu stehen, hat der schwedische Möbelkonzern selbst zu einem unverbindlichen Mittagessen eingeladen – Parlamentspflege nach Lobbyistenart.