Ein chinesischer Geschäftsmann meldet sich beim Bürgermeister einer Kleinstadt, er habe gehört, die Stadt suche Investoren. Der Bürgermeister erzählt dem Geschäftsmann vom insolventen Flughafen in der Nachbarstadt. Der Chinese kauft ihn. Der Bürgermeister erzählt dem Geschäftsmann von einem riesigen Anwesen in der Nachbargemeinde. Der Chinese kauft es. Der Bürgermeister erzählt dem Geschäftsmann von einem Fünfsternehotel und einer Fabrik, die man so gerne bauen würde. Der Chinese gibt Geld.

Es klang, als wäre Andreas Thiedes großer Traum in Erfüllung gegangen. Der Bürgermeister von Lauenburg hat mit dem chinesischen Geschäftsmann Chen Yongqiang einer ganzen Region Hoffnung geschenkt. Bis zur vergangenen Woche. Nun ist Chen weg. Er hat den Flughafen in Lübeck in die Pleite geschickt, sein Anwesen in der Nachbargemeinde Schnakenbek steht zum Verkauf. Und Lauenburg steht vor den Trümmern einer Geschichte aus Hoffnung, Größenwahn und Blamage. Eine internationale Provinzposse, erzählt in drei Akten.

I. Akt: Hoffnung

An einem Sonntag Mitte Juni 2015 sind die Turbulenzen noch weit weg. Die Sonne scheint, Andreas Thiede steht an Deck des Ausflugsschiffs Aurora und lächelt in eine Kamera. Neben ihm schmunzelt ein chinesischer Unternehmer. Er steht auf einem Stuhl, um mit Thiede auf Augenhöhe zu sein. Foto, Gelächter, der nächste Chinese steigt auf den Stuhl.

Bilder mit Andreas Thiede vor Elbkulisse sind an diesem Tag ein begehrtes Andenken. Thiede ist sehr groß und ziemlich blond, das ist für die chinesischen Gäste ein Phänomen. Und Thiede ist ein deutscher Bürgermeister, der um chinesische Investoren wirbt. Das ist für die chinesischen Gäste ein noch größeres Phänomen. Sagt Andreas Thiede.

Seit 2011 ist er Bürgermeister von Lauenburg. Bis zur Wiedervereinigung lag das Elbstädtchen mit heute 11.000 Einwohnern an der Grenze von Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern im toten Winkel Deutschlands, von der Wirtschaft anscheinend vergessen. Danach wurde es auch nicht besser. Vor einigen Jahren drohte der chronisch klammen Stadt die Fusion mit der Nachbargemeinde Geesthacht. CDU, SPD und FDP einigten sich darauf, dass jemand Lauenburg retten müsse: Andreas Thiede. Der hatte immerhin einen Plan: Investoren müssen her.

Thiede war bis zu seiner Wahl Wirtschaftsförderer der Nachbargemeinde Schwarzenbek. Über eine chinesische Unternehmerin hatte er schon seit 2008 ein Netzwerk nach Asien aufgebaut. 2009 reiste er mit einer Delegation erstmals nach China. Das brachte der Stadt wegen Steuerverschwendung eine Erwähnung im Schwarzbuch des Steuerzahlerbunds ein, hatte aber noch weitere Folgen: Thiede war jetzt China-Fan. Und Schwarzenbek sollte einen Textilgroßhandel mit 1000 Mitarbeitern bekommen.

China-Reisen sind für Thiede seither Routine, mindestens zwei bis drei Mal im Jahr ist er dort. Lauenburg pflegt Partnerschaften mit sieben Provinzen, manchmal häufen sich die Einladungen, dann muss Thiedes Stellvertreter einige Reisen übernehmen. Wenn es gut läuft, kommen die Chinesen zum Gegenbesuch nach Lauenburg.

An diesem Sonntag sind es 50 Politiker und Unternehmer aus Pingdingshan in Zentralchina. Thiede hat eine Fahrt auf der Elbe organisiert. Die Gäste sitzen nun an einem großen Tisch im Bordrestaurant der Aurora. "Hier sind die Chinesen, da sind die Lauenburger. Die bringen wir jetzt zusammen – ganz einfach", sagt Thiede. Dann verkuppelt er die chinesischen Geschäftsleute mit potenziellen deutschen Partnern: einen Bergbauunternehmer mit einem Lauenburger Ingenieur für Medizintechnik. Einen Chinesen, der Staubfilter produziert, mit einem örtlichen Maschinenbauer. Einen Hersteller von Elektrofahrzeugen mit dem Chef der Stadtwerke.

Pingdingshan hat knapp fünf Millionen Einwohner, das sind fast 500-mal so viele, wie Lauenburg hat. "Wir sind meines Wissens nach die einzige deutsche Kleinstadt, die in China nach Investoren sucht. Deswegen sind wir da recht bekannt", sagt Thiede. "Die Chinesen suchen Ansprechpartner in Deutschland. Und ein Bürgermeister ist dort eine hohe Respektsperson, egal, wie groß die Stadt ist. Wenn der Bürgermeister die Unternehmer vom Flughafen abholt, dann beeindruckt die das."

Bernd Dittmer, der Lauenburger Bürgervorsteher, sitzt an der Theke und beobachtet Thiedes Netzwerkrunde kopfnickend. "Das ist toll, was wir hier auf die Beine stellen, oder?" China, sagt er, das sei eine große Sache. Er sei da gewesen. "Das war aufregend. Es ist toll, zu sehen, wie wissbegierig der Chinese ist." Der Chinese, der sei die Zukunft für Lauenburg. Und das habe die Stadt Andreas Thiede zu verdanken. Und natürlich Chen.

Chen Yongqiang hat sich im vergangenen Jahr an Thiede gewandt. Er habe in China ein Firmenimperium, ein Vermögen von fast einer Milliarde Euro, so haben es damals alle geglaubt. Nun wolle er in Deutschland investieren. Chen rettete den Flughafen Lübeck aus der Pleite, kaufte wenig später den Sandkrughof, ein heruntergekommenes, aber immer noch beeindruckendes Anwesen mit Elbblick in Schnakenbek. Aber das war erst der Anfang: 100 Millionen wolle er in Lauenburg investieren, verkündete Chen im April dieses Jahres bei einem Besuch von Thiede und Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Reinhard Meyer in Shanghai. Es gab eine große Pressekonferenz, bei der ein Vertrag für ein Fünfsternehotel und eine Fabrik für medizinische Hefe unterzeichnet wurde, beides sollte in Lauenburg entstehen. Endlich zeigte das jahrelange Werben um chinesische Investoren einen weithin sichtbaren Erfolg.

Bürgervorsteher Dittmer sagt: "Chen ist der größte Glücksfall für die Stadt seit Jahrzehnten." Die Aurora hat Lauenburg erreicht. Eigentlich hält das Ausflugsschiff hier im Linienverkehr gar nicht, aber für die Chinesen hat Thiede eine Ausnahme ausgehandelt. Am Ufer böllern die Schützen, am Hafen haben sie ein rotes Transparent mit chinesischen Schriftzeichen aufgehängt. "Willkommen heißt das", sagt Thiede, als er an Land geht. "Das mit dem Geschäftsanbahnen ist ganz einfach: Es hängt nur davon ab, wie man mit den Leuten umgeht – und dann läuft das auch."

Auf dem Weg durch die malerische Lauenburger Altstadt stellt Thiede einen Hamburger Geschäftsmann vor. Der ist Geschäftsführer mehrerer Krankenhäuser. "Aber ich habe gekündigt und mache mich nun selbstständig", erzählt er. "Das Engagement von Andreas Thiede ist einfach inspirierend." Bis vor Kurzem habe er gar kein Gefühl für China gehabt, aber jetzt sei er beeindruckt. "Da gibt es Krankenhäuser mit tausend Betten. Der Markt ist unfassbar groß." Und mit einem China-Experten wie Thiede als Unterstützer traue er sich das zu. "Am Ende geht es um Vertrauen. Ich vertraue Thiede." Einen ersten Auftrag, sagt er schließlich, habe er auch schon. Es geht um die Ausstattung eines Krankenhauses in China. Der Geschäftspartner: Chen.