DIE ZEIT: Die Literaturkritik verlangt ja gern, dass die Literatur politischer wird ...

Ilija Trojanow: ... bis jemand einen politischen Roman schreibt, und dann heißt es sofort: Ah, dogmatisch, überladen, Thesenroman und so weiter!

Ulrich Peltzer: Es gibt das Bedürfnis der Literaturkritik und der Öffentlichkeit nach Welterklärung beziehungsweise nach Auffächerung von Erfahrungen, die man sonst nur aus den Medien kennt. An die Literatur wird eine Aufgabe delegiert, die möglicherweise nicht unbedingt eine genuin literarische Funktion ist.

ZEIT: Hat die Literatur eine besondere Welterklärungskompetenz?

Jenny Erpenbeck: Ich würde sagen: Weltanschauungskompetenz. Und zwar Weltanschauung im buchstäblichen Sinn des Anschauens der Welt. Wenn man schreibt, schaut man lange auf die Dinge, länger als andere Leute sich die Zeit nehmen können.

ZEIT: Der Prototyp des politischen Schriftstellers war Émile Zola, der sich direkt in die Dreyfus-Affäre einmischte mit den berühmten Worten: "Ich klage an!" Zola war interventionistisch.

Peltzer: Das wäre die nächste Frage: Hat die Literatur eine interventionistische Aufgabe?

Trojanow: Im Diskurs werden diese zwei Aspekte oft vermischt: Der Schriftsteller als gehörter Bürger mit gewichtiger Stimme und als Künstler.

ZEIT: Und ich würde sagen: Es gab 1990 eine Zäsur. Bis dahin gehörte es zum Berufsbild des Schriftstellers, interventionistisch zu sein, Manifeste zu unterschreiben, im Wahlkampf mitzumischen. Und daran entstand dann ein Überdruss, an dem, was man seinerzeit "Gesinnungsästhetik" genannt hat, und die Schriftsteller haben daraus die Konsequenz gezogen, auf dieser Bühne nicht mehr aufzutreten.

Erpenbeck: Für mich ist es nicht so, dass ich sage: "Ich möchte ein politisches Buch schreiben" oder "Ich möchte ein historisches Buch schreiben". Ich habe eigentlich immer beim Mikrokosmos angefangen und bin beim Makrokosmos angekommen, ohne dass ich mich dafür entschieden hätte. Ich finde, es ist vollkommen müßig, was von außen von Schriftstellern "verlangt" wird! Das ist eine Sekundärdiskussion. Man schreibt über die Dinge, die einen beschäftigen, die einem widerfahren. Manche Autoren neigen mehr dazu, im Privaten das Politische zu sehen, andere sind politischen Bewegungen mehr ausgesetzt, wieder andere ziehen sich ganz ins Private zurück.

ZEIT: Ihr neuer Roman, Frau Erpenbeck, könnte kaum näher dran sein an der aktuellen politischen Lage. Die Flüchtlingsfrage, von der Ihr Roman handelt, ist das zentrale politische Thema dieser Tage. Was bedeutet das für Ihr Schreiben?

Erpenbeck: Das bedeutet für das Schreiben, dass man für die Recherche mit Menschen sprechen kann und nicht Autobiografien lesen muss, dass man viel weniger in Archiven sitzt, sondern sich mehr draußen auf der Straße bewegt – aber in 50 Jahren ist unsere Gegenwart auch Vergangenheit. In meiner Familiengeschichte ist das Thema Flucht immer präsent gewesen, und ich kann mich deshalb vielleicht zu gut in die Lage von Menschen versetzen, die einen radikalen Schnitt in ihrem Leben erfahren. Ich wollte wissen, was das für Menschen waren, bevor sie Flüchtlinge geworden sind, denn "Flüchtling" ist kein Beruf. Mich haben der Alltag und die Normalität, die es vor der Flucht gab, interessiert. Und was heißt es, wenn nach der Flucht dann nichts anderes an die Stelle dessen tritt, was verloren gegangen ist. So viele Menschen sterben bei den Überfahrten auf der Flucht. Und die, die hier ankommen, sind oft nur zufällig die, die überlebt haben, sind genau solche Menschen wie die, deren Tod wir in den Nachrichten täglich zur Kenntnis nehmen. Sind Menschen, die aus ganz verschiedenen Gründen fliehen mussten und aus ganz verschiedenen Ländern kommen. Sobald man mit Einzelnen spricht, versteht man: Das Politische spiegelt sich in einem ganz konkreten Leben wider.

ZEIT: Wenn man Ihren Roman liest, wird man stark in die Identifikation mit den Figuren gezogen. Gleichzeitig geht von Ihrem Buch auch ein politisches Statement aus. Simpel gesprochen: Gegen Dublin II beziehungsweise Dublin III, gegen ein Grenzregime, das sich vor den Flüchtlingsströmen abriegelt. Kann man Sie festnageln auf die Forderung: Macht die Grenzen auf ?

Erpenbeck: Ja, zum Beispiel. Warum nicht?

ZEIT: Wäre also vielleicht ein Kriterium für einen politischen Roman, dass man seinen Verfasser auf eine politische Position festnageln kann?

Erpenbeck: Das ist natürlich misslich, und mir war klar, dass solche Fragen gestellt werden würden, und natürlich bin ich nicht die Person, sie zu beantworten. Ich mache die Gesetze nicht. Das Einzige, was man als Schriftsteller machen kann, ist, daran zu erinnern, dass Staaten und diese Art von rigiden Grenzen eine ziemlich neue Erfindung sind. Dass es schon immer Bewegung gegeben hat in der Menschheitsgeschichte und dass sich manche Fragen sehr grundsätzlich stellen. Wir haben ein extremes Wohlstandsgefälle in der Welt, und ein Gefälle strebt immer nach Ausgleich.

ZEIT: Ein Gefälle gab es schon immer, aber man wusste viel weniger vom anderen.

Erpenbeck: Früher waren die anderen Teile der Welt einfach weiter weg, heute sind sie erreichbarer geworden. Das Geld hat sich schon früher in Bewegung gesetzt, jetzt setzen sich auch die Menschen in Bewegung, nicht zufällig oft genau in umgekehrter Richtung. Im Grunde bin ich drei Personen: Ich bin privat, ich bin Autorin, und jetzt werde ich noch als jemand befragt, der Lösungen haben soll. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, Dinge zusammenzudenken. Dublin III ist der Wirklichkeit nicht angemessen. Um das zu erkennen, muss man kein Moralist sein, es ist Fakt, dass sehr viele Menschen da sind und dass sie sich durch Zäune und durch Gesetze nicht in Luft auflösen.