Fast lautlos, so als fahre er auf Watte, gleitet der silberne Wagen über den Parkplatz des Studios. Es ist der Aston Martin DB 10, eine pure Leinwandkreation, eigens entwickelt und gebaut für James Bond. "Keine Fotos!", kreischt die britische Pressedame, und wir weichen zurück. Eine Parklücke zwischen Lastwagen voller Scheinwerfer und Kabel öffnet dennoch die Schneise für ein hektisches Smartphone-Foto. Später, beim heimlichen Betrachten der Aufnahme auf der Toilette, stelle ich fest, dass leider nur mein halber Fuß mit einem Stück Autoreifen zu sehen ist.

Es ist der 110. Drehtag von Spectre, dem 24. Bond-Abenteuer. Schon an der Pforte der westlich von London gelegenen Pinewood-Studios hatte man das Gefühl, in die Hochsicherheitsfestung eines Bond-Bösewichts einzudringen. Ausweiskontrolle, Erkennungsmarken, Anweisungen zu den Motiven, die fotografiert werden dürfen: praktisch nichts, außer den Straßenschildern des Studiogeländes.

Wir, das ist eine Handvoll internationaler Journalisten, die sich auf ein dubioses Genre eingelassen haben – den Drehbericht. Sein Wesen besteht darin, dass Menschen andere Menschen bei einer Tätigkeit beobachten, bei der sie eigentlich nicht gestört werden wollen.

Aber erstens geht es hier um James Bond, Großbritanniens erfolgreichsten Image-Export neben der Queen, den Beatles, den Rolling Stones und Harry Potter. Zweitens wird schon irgendetwas los sein hinter den Kulissen einer Produktion, deren Budget – das weiß die Welt seit den gehackten E-Mails der Firma Sony – von 200 Millionen auf 350 Millionen Euro angeschwollen ist. Damit wäre Spectre der teuerste Film aller Zeiten. Vielleicht gibt der Besuch auch Einblick in die bereits Monate vor dem Kinostart am 5. November anlaufende Publicity-Maschine, Teil der globalen, mit Automarken, Modedesignern und Uhrenherstellern vernetzten Bond-Unternehmung. Und drittens ist Bond einfach Bond.

Die Pinewood-Studios, legendäres Zentrum der britischen Filmindustrie, liegen am Rande der Ortschaft Slough in der Grafschaft Buckinghamshire. Mitte der dreißiger Jahre, als es in Londons Vororten noch mehr als zwanzig Filmstudios gab, wurde der Komplex rund um das prunkvolle viktorianische Herrenhaus Heatherden Hall errichtet. Quer durch die Jahrzehnte zogen die enormen technischen Kapazitäten, das Können der britischen Filmhandwerker sowie Steuervergünstigungen auch internationale Produktionen an. Hier drehten Charlie Chaplin, Alfred Hitchcock, Stanley Kubrick, David Lean, Ridley Scott, hier entstanden Blockbuster wie Alien 3 und Batman Returns. Und wahrscheinlich wäre auch Pinewood der Übermacht des Produktionsstandortes Hollywood zum Opfer gefallen, hätte Bond dem Ort nicht die Treue gehalten.

Jenseits ihrer exotischen Schauplätze waren die Bond-Filme immer grandiose Studiowelten, Ausstattungsorgien, gebaute Fantasie-Exzesse. In Pinewood baute der legendäre Szenenbildner Sir Ken Adam seine Sets, vom konstruktivistischen Atomkraftwerk im ersten, 1962 gedrehten Bond-Film Dr. No bis zu den Raumschiffszenen in Moonraker. Und seit fast einem Jahr – die Bond Filme sind berühmt für ihre großzügigen Drehzeiten – beherbergen die gigantischen Hallen nun die Szenenbilder von Spectre. Es entspricht also der künstlerischen Hierarchie der 007-Produktionen, dass die britischen Begleiterinnen oder Bewacherinnen uns zuerst in die Abteilung für Produktionsdesign führen.

In einem hellen Neubau stehen die Set-Modelle, weiße Miniaturgebäude aus Papier und Styropor. Etwa das nach einer Explosion verwüstete Hauptquartier des britischen Geheimdienstes. Oder die halbe Westminster Bridge. Daneben die Schauplätze der Eröffnungssequenz von Spectre, Arbeitstitel: "Verfolgungsjagd mit zusammenstürzendem Gebäude". Mit gesenkter Stimme verrät eine Assistentin den Inhalt der ersten Szenen. James Bond befindet sich in einem Hotelzimmer in Mexiko-Stadt, entdeckt im Haus gegenüber einen Bösewicht und versucht, ihn vom Dach aus zu erschießen. Die Szene kulminiert im Zusammensturz des Gebäudes, auf dem sich Bond befindet, und in einer Verfolgungsjagd durch das mexikanische Fest der Toten mit Tausenden von Statisten. Ob in dieser Szene bereits Christoph Waltz als Fiesling auftritt, ist der Dame nicht zu entlocken. Überhaupt ist die Atmosphäre während der Einführung so ehrfürchtig, dass sogar der britische Humor außer Kraft gesetzt wird. Auf meine nicht wirklich ernst gemeinte Frage, ob man uns die ersten Szenen von Spectre vielleicht auf DVD brennen könne, reagieren die Pressedamen mit fassungslosem Schweigen.

Wie vom Grunde eines Kraters blickt man auf die dreißig Meter hohe Kulisse

"Good morning Ladies and Gentlemen!" Auftritt des Produkionsdesigners Dennis Gassner. Der Endsechziger trägt Hut und Hawaiihemd und verströmt eine zenhafte Ruhe, die aber auch Müdigkeit sein kann. Gassner ist der Herr der neuen Bond-Welt, der Mann, der ihre Atmosphäre, ihre Textur, ihre Materialität erschafft. Besonders stolz sei er auf den Beginn des neuen Bond-Films, sagt Gassner: "Der Rhythmus folgt dem Anfang von Beethovens 5. Symphonie. Ein Wechsel von sehr leisen und sehr lauten, explosiven Sequenzen." Mit der rechten Hand dirigiert er ein paar sehr leise Takte in die Luft. Dann haut er auf den Tisch: "Babababamm!"

Vor vier Jahren habe Sam Mendes – unter anderem Regisseur von American Beauty und Skyfall – zu ihm gesagt: "Finde mir was Heißes und was Kaltes." Gassner fand Mexiko-Stadt, die österreichischen Alpen und die Stadt Erfoud am Rande der marokkanischen Sahara. "Und irgendwann fahren 52 Lastwagen ein Jahr lang durch drei Kontinente!" Als Setdesigner müsse man alle vorherigen Bond-Filme im Bewusstsein haben, sagt Dennis Gassner, und versuchen, sie zu überbieten.